Beruf: Hahn im Korb
Wenn Mirko Schich auftaucht, ist er garantiert gleich von mehreren Jungs umgeben: Dem Anton läuft die Nase und er hat kein Taschentuch. Maurice will Rollschuh fahren, aber der linke Rollschuh steckt am rechten Fuß. Bevor es raus zum Toben geht, stehen die drei in der Garderobe und reden über das Straßenbahnnetz in Leipzig, gekonnt erfragt der Erwachsene Linien und Endhaltestellen. Die 5-Jährigen sind voll dabei. Mirko Schich, angehender Erzieher im Kinderhaus „Groß und Klein“ ist Hahn im Korb.
»Ich habe noch nie mit männlichen Kollegen gearbeitet.«, erzählt er. Der Erzieherberuf ist noch immer ein Frauenberuf. Das heißt es gibt über 80 Prozent Frauen, die ihn ausüben. Im Vorschulbereich sind weniger als drei Prozent der Beschäftigten männlich, insgesamt stagniert der Männeranteil in den letzten Jahren bei vier Prozent, wobei
in Horten und bei der Jugendarbeit noch die meisten Männer zu finden sind.
1996 hatte das Netzwerk für Kinderbetreuung der europäischen Kommission vorgeschlagen, dass bis 2006 20 Prozent der Beschäftigten in öffentlichen Einrichtungen für Kinder Männer sein sollten. Das ist noch immer eine utopische Forderung, aber Forschung und Politik haben Fortschritte gemacht. So glaubt zum Beispiel der Wissenschaftler Holger Brandes, dass das neue Elterngeld ein erster Schritt ist, mehr Männern die Gelegenheit zu geben, sich mit kleinen Kindern zu beschäftigen und gängige Klischees zu hinterfragen. Und die meisten Institutionen stimmen in den Chor derer ein, die mehr männliche Erzieher fordern.
Aber wofür brauchen wir die Männer eigentlich? - Weil sie sich mit anderen Qualitäten in die Erziehung einbringen als Frauen, meint Brandes. Männer haben zum Beispiel ein anderes Verständnis von Gewalt und Aggression, sie sehen, dass Raufen auch Spaß machen kann. - Weil heute viele Kinder ohne Vater aufwachsen, wobei die männlichen Erzieher natürlich nicht zum Vaterersatz werden sollen. Aber viele schwierige Verhaltensweisen von Jungen hängen damit zusammen, dass sie beweisen wollen, wie männlich sie sind - und dabei Männergestalten nur aus Filmen und Videospielen kennen. Im Alltag mit einem „echten“ Mann können sie lernen, dass auch er Schwächen hat und sogenannte weibliche Tätigkeiten übernimmt. Mädchen werden selbstbewusster, wenn sie von Männern unterstützt werden. - Weil männliche und weibliche Erzieher einen partnerschaftlichen Umgang von Mann und Frau vorleben können. Mirko Schich sagt vom Erzieherberuf, dass es daran nichts gibt, was ihm nicht gefällt.
Der 29-Jährige im dritten Ausbildungsjahr hatte beim Zivildienst mit Kindern und Jugendlichen die Arbeit kennengelernt, zu der er über Umwege wieder zurückkehren sollte. Denn nach dreijähriger Walz zwang den Dachdecker ein Bandscheibenvorfall zu einer neuen Berufswahl. In einem Kindergarten mit integriertem Hort in Leipzig-Grünau betreut Mirko die Holzwerkstatt. Meistens sind es die Jungs, die zu dem Mann mit den langen Haaren kommen. Die Mädchen schauen selten neugierig in den kleinen Raum, wo sich an den Wänden in Kisten sortiert Holzleisten, Bretter und Schrauben befinden. »Es geht nicht nur um den Umgang mit Werkzeug und Material, sondern die Werkstatt hat auch eine soziale Funktion«, erzählt Mirko. Es ist ein ruhiger Ort, an dem die Kinder während der Arbeit von ihren Sorgen reden.

Der aufgeschlossene junge Mann hat in Krippe, Kindergarten und Hort Erfahrungen gesammelt. Das Schönste anseinem Beruf sei es, die kleinen Fortschritte zu sehen: Wenn ein anvertrautes Kind bis zehn zählen kann oder selbst die Milchkanne benutzt. »Das ist dann ein Gefühl wie früher das Dach fertig gedeckt zu haben.« In der Krippe, so erinnert er sich, gab es häufig kritische Blicke der Mütter und Väter, die später erst von Anerkennung abgelöst wurden. »Man braucht Reife, um das zu machen«, betont Mirko. Reife, die mit der Lebenserfahrung kommt? An seiner Schule in Halle sind jetzt schon zehn von 29 Schülern Männer, und er sei der Jüngste. Das macht den Kinderfreund zuversichtlich: »Männer für den Beruf anwerben, das funktioniert nicht, die müssen sich schon selbst interessieren. Und das ist eine Frage, die sich von allein mit der Zeit löst, denn immer mehr Männer interessieren sich schon«, meint er.
Auch die Freien Schulen in Chemnitz haben in der Erzieherausbildung der letzten Jahre mehr Männer beobachtet: von einem Erzieher vor drei Jahren bis zu fünf in der aktuellen Klasse. Dennoch sieht Sabine Brunner, Lehrerin an dieser Einrichtung, ein grundsätzliches Problem: »Erst mit dem Zivildienst entdecken viele junge Männer ihr Faible für den sozialen Bereich. Der erste Kontakt mit Kinder- und Jugendarbeit findet also dann statt, wenn ein ganz anderer Vorberuf schon gelernt ist.«
Vereine in Sachsen kümmern sich engagiert darum, dass das nicht so bleibt. Das Männernetzwerk in Dresden veranstaltet jährlich die Dresdner Jungentage und hat dazu bereits im Februar zu einem Infoabend eingeladen, am ersten Septemberwochenende steht das Leipziger das Äquivalent von LEmann e.V. schon fest. Dort sollen Jungen unterschiedliche Männer treffen und über Lebensplanungsaspekte nachdenken. Damit es bald den „Hahn im Korb“ nicht mehr gibt…
lesen Sie hier weiter das Interview mit Prof. Holger Brandes zur Thematik




