Dodecahedron und Donnerknaller - Origami in der Therapie
"Doof bin ich, sagen die anderen!" Frustriert wischt Max sämtliche Bücher vom Tisch. Das ist das häufigste Problem bei Kindern mit Teil-Leistungsstörungen: Der ganze Mensch wird in Frage gestellt, wenn es sich ausgerechnet um so grundlegende Fächer wie Deutsch oder Rechnen handelt. Reagiert Max wie Rumpelstilzchen oder zieht er sich völlig zurück, ist die Botschaft "Liebe mich, wenn ich es nicht verdient habe, weil ich es dann am meisten brauche"
Oft ist es zunächst das Allerwichtigste, das angeknackste
Selbstbewusstsein wieder aufzurichten. Bei
Teilleistungsstörungen heißt das: Die Kinder und
Jugendlichen da abzuholen, wo sie stehen, also nicht an den
Schwächen herum zu kritisieren, sondern die Stärken zu
stärken.
Die
Therapeutische Fördereinrichtung, eine private und
unabhängige Facheinrichtung, die Kinder mit
Teilleistungsstörungen in den Bereichen Lesen und Schreiben,
Rechnen, Erlernen des Englischen sowie Aufmerksamkeit betreut,
nutzt hier außerdem einen therapeutischen Bereich, dessen
Wirksamkeit auch in Deutschland bereits im 19. Jahrhundert
geschätzt wurde: Origami.
Vor allem Modul-Origami, da hier es hier ganz besonders auf
Genauigkeit und eine ruhige Hand ankommt. Hier werden die
Konzentration, das Vorstellungsvermögen und natürlich das
Selbstvertrauen gestärkt. Und Max erlebt außerdem in
seinem Umfeld: "Ich kann etwas, was andere nicht
können!"
Die Förderung der sogenannten Stützfunktionen
(Motivation, Ausdauer, Selbstsicherheit usw.) ist aber nur eine
Seite. Kinder mit Teilleistungsstörungen haben sehr
häufig Probleme in der Wahrnehmungsverarbeitung, was sich beim
Schreiben z.B. in Buchstabenverdrehungen wie "b" oder "p"
statt "d" oder bei Rechenschwäche in der
Stellenwertproblematik ( z.B. "80063" für die Zahl 836)
zeigt. Auch Kinder, denen in der Schule Geometrie als rotes Tuch
erscheint, lassen sich mit Origami auf anschauliche Weise
geometrische Sachverhalte vermitteln.
Ein Höhepunkt der Arbeit der Therapeutischen
Fördereinrichtung Häußler war im November 2006 die
erste internationale Tagung zur Didaktik des Papierfalten,
organisiert von den Freiburger Faltern um Joan Sallas. Die drei
Tage wurden eine Fundgrube für neue Anregungen und Austausch,
nicht nur weil das eigene Falten und das Vermitteln doch sehr
verschiedene Dinge sind. So habe Dr. Angela Häußler
beispielsweise eine Weile benötigt, bis sie auch die
linkshändigen Schützlinge für das Origami begeistern
konnte, erzählt die Pädagogin.
Bei
allem wissenschaftlichen Hintergrund: Die Kinder haben in erster
Linie Freude am Falten. Während die Jüngeren eher Dinos,
Donnerknaller und ähnliche "Action" lieben, sind die
Teenies in der Therapieeinrichtung mit Geschick dabei, aus
teilweise winzigen Modulen Schmuck zu falten oder verblüffen
die Eltern mit ihrer Ausdauer beim Falten eines Polyeders.
»Einige Kinder sind derart "faltbegeistert", dass ich
manchmal bremsen muss: "Du, ich soll dir das Rechnen
beibringen…"«, schmunzelt Angela
Häußler.
Und: »Das Wort "Dodecahedron" kann kein Legastheniker
schreiben, aber falten können unsere das! - Mit dieser
Bekundung machten wir auch nach außen hin auf uns aufmerksam.
So wurde es möglich, mit einigen Schülern meine
Einrichtung bei einem Pressefest vorzustellen und im Dezember 2006
präsentierten wir einen Origami-Weihnachtsbaum in einem
großen Chemnitzer Einkaufszentrum.«, freut sich die
engagierte Chemnitzer Therapeutin.
www.lerntherapie-chemnitz.de




