Wieder eingenässt, doch kein Grund zur Panik
Ein Blick in Maries große blaue Augen verrät es: Gleich gibt es Ärger. Ungeduldig tritt die 4 jährige im Sandkasten von einem Bein auf das andere, ihre kleinen Finger krallen sich in die Handflächen. Mama wird schimpfen mit Marie, weil Sie eingenässt hat - schon wieder…

"Es vergeht kein Tag an dem deine Hosen nicht durchnässt
sind", beschwert sich Maries Mutter wenig später
kopfschüttelnd. Und gleich noch schiebt sie laut den Gedanken
hinterher: "Deine Freundinnen Julia und Tabea machen schon lange
nicht mehr in die Hose. - Was ist nur los mit Dir?"
Szenenwechsel: Maries Mutter sucht trotz Schamgefühl und
unter eigenem Schuldbewusstsein die Kinderurologische Sprechstunde
im Katholischen Krankenhaus "St. Johann Nepomuk" in Erfurt
auf.
Zu einem vertraulichen Gespräch unter vier Augen wird sie von
Chefarzt Dr. Josef Schweiger erwartet, während Marie in der
Kinderecke ganz vertieft ein Bild malt. Ruhig hört sich der
Facharzt die Geschichte an, die ihm von der besorgten Mutter
vorgetragen wird.
Das Gespräch:
"Marie macht noch regelmäßig in die Hose, dabei ist sie schon über 4 Jahre alt. Es passiert immer wieder, dass sie im Spiel nicht bemerkt, dass sie längst zur Toilette müsste. Und es geschieht auch nachts - wir bemerken es meist jedoch erst am nächsten Morgen."
"Häufig handelt es sich einfach nur um eine
Entwicklungsverzögerung", antwortet Dr. Schweiger mit
ruhiger Stimme. "Man könnte es damit vergleichen, dass manche
Kinder erst später das Laufen erlernen. Die Blase ist ein
kompliziertes System - und wie das Laufen muss auch diese
körperliche Funktion erst erlernt werden. Von einem
Krankheitswert wird bei Kindern erst ab dem 5. Lebensjahr
ausgegangen. Dann müssen Untersuchungen auf etwaige
Fehlbildungen der Harnwege ebenso wie auf eine akute
Blaseninfektion durchgeführt werden."
Warum merken Bettnässer wie meine Tochter es
nicht, wenn sie mal zur Toilette müssen?
"In der Nacht schlafen Kinder oft so fest, dass sie in den
Tiefschlafphasen den Harndrang gar nicht erst bemerken und sich so
unwillkürlich die Blase entleert. Außerdem ist die
Umstellung auf die nächtliche Drosselung der Urinproduktion
auch ein Reifeprozess, der häufig verzögert eintritt.
Tagsüber wird von Kindern der Harndrang zwar verspürt,
der nötige Toilettengang jedoch nicht zeitig genug
eingeschätzt. Betroffene Kinder versuchen sich den Harndrang
"wegzudrücken" um nicht aus der Welt des Spielens, in die
sie eingetaucht sind, herausgerissen zu werden."
Welche Rolle spielt die Psyche bei den
betroffenen Kindern?
"Wichtig ist es, zu unterscheiden, ob die Kinder schon einmal
"trocken" waren, die Blasenentleerung also bereits schon
einmal vollständig kontrolliert werden konnte - oder ob sie
seit je her eingenässt haben.
Im 2. Fall liegen selten tiefgreifende Störungen zu
Grunde.
Bei einem erneuten Einnässen empfiehlt es sich, eine
psychische Ursache aufzuspüren.
Die Praxis zeigt, dass z.B. die Geburt eines neuen Geschwisterchens
oder die Trennung der Eltern dahinter stecken
können."
Welche Hilfe erwartet uns Eltern bei einem
Urologen, wenn unser Kind über das 5. Lebensjahr hinaus noch
immer einnässt?
"Zunächst muss durch ein Protokoll geklärt werden, wann
und wie häufig das Kind einnässt.
Die Protokollierung und die damit verbundene Regulierung des
Wasserlassens können manchmal schon das Problem lösen.
Fehlbildungen der Harnwege oder eine akute Blasenentzündung
lassen sich durch eine Ultraschalluntersuchung und einer
Untersuchung des Urins meist ausschließen. Nur selten muss
dann noch eine Blasenspiegelung oder eine Röntgenuntersuchung
gemacht werden. Die Behandlungsmöglichkeiten werden danach
festgelegt."
Welche einfachen Tricks gibt es für mein
Kind, wenn es eben ein bisschen länger braucht zum
"Trockenwerden"?
"In der Nacht hat sich der Einsatz von Klingelhosen oder
Klingelmatten bewährt. Ein lautes Klingelgeräusch
ertönt, sobald eingenässt wird. Diese Weckapparate
können helfen, den Schließmuskel nachts kontrollieren zu
lernen und die Signale des eigenen Körpers wahrzunehmen.
Tagsüber lohnt es, feste Toilettenzeiten einzuführen. Oft
hilft es auch, das Umfeld in der Toilette angenehm zu gestalten,
z.B. mit dem Lieblingsspielzeug ihres Kindes, schönen
Büchern und durch eine wohlige Raumtemperatur.
Ein Biofeedback-Training, das mittels akustischer oder optischer
Signale die Blasenmuskulatur trainiert, zeigt Kindern ihre
Erleichterung auf einem Display an - etwa durch aufsteigende
Luftballons oder springende Fische."
Welchen Tipp haben Sie grundsätzlich
für Eltern wie mich?
"Vermeiden Sie von vorn herein Wettbewerbsbedingungen - etwa: der
Nachbarssohn ist viel jünger und macht nicht mehr in die
Hose… Ebenso wichtig: Akzeptieren Sie, dass ihr Kind
vielleicht ein wenig länger braucht, gehen sie gelassen damit
um und begleiten Sie Ihr Kind beruhigend auf dem Weg zum
'Trockenwerden'."
Erleichtert verlässt Maries Mutter das Katholische Krankenhaus
"St. Johann Nepomuk". Mit dem neuen Wissen lebt es sich
für sie künftig leichter. Schamgefühl und Ungeduld?
- Manches ist eben nur eine Frage der Zeit. Eltern die das
erkennen, haben oft auch glücklichere Kinder…




