Kribbelbunt

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»... eigentlich mit einem schwereren Rucksack auf dem Buckel«

Als 1967 ihr Sohn Konstantin geboren wird, ahnt Waltraude Riezy, Protagonisin in Roswitha Gepperts Roman "Die Last, die du nicht trägst", nicht, dass er behindert sein könnte. Erst nach und nach zeigen sich Verzögerungen in seiner Entwicklung und schließlich stellen die Ärzte viel zu spät fest, dass er an einer Stoffwechselkrankheit leidet und bereits geistig schwer geschädigt ist.

IMG_0128Die Sorgen einer Familie mit behindertem Kind hat Roswitha Geppert in ihrem ersten Roman “Die Last, die du nicht trägst“ 1978 beschrieben. Seither wurde das Buch immer wieder aufgelegt. Die Leipziger Schriftstellerin erzählt darin ihre eigene Geschichte. Als ihr Sohn sieben ist, gibt sie ihn ins Heim, wo er im Alter von 19 Jahren stirbt. Die heute 64-Jährige erinnert sich im KIDS und Co Interview an die Zeit mit ihrem behinderten Kind.

Frau Geppert, in der DDR waren Sie bekannt „wie ein bunter Hund“…

»Bekannt war ich, weil „Die Last, die du nicht trägst“ eine Problematik beinhaltete, die damals in der Literatur nicht präsent war: Das Leben einer Familie mit einem geistig behinderten Kind unter sozialistischen und so auch beschriebenen schlechten Verhältnissen, also ohne Wohnung mit Kinderzimmer, ohne richtige Küche, ohne Bad. In Wahrheit musste die Familie in anderthalb Zimmern dahin vegetieren! Und das mit einem Kind, das schrie und brüllte und man nicht mal eine Tür zumachen konnte, um zur Ruhe zu kommen. Auf Lesungen avancierte ich schnell zur Lieblingsschriftstellerin, weil ich das Anliegen vertreten habe, Andersseiende nicht zu verurteilen, sondern sich ihnen erst einmal zu nähern und sie kennenzulernen.«

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, über Ihre Erlebnisse zu schreiben?

»Weil ich in der Öffentlichkeit mit meinem Kind auf massives Unverständnis gestoßen bin. Wir wurden ausgelacht, angespuckt, aus der Straßenbahn und dem Sandkasten geworfen. Kinder durften nicht mit meinem Kind spielen, obwohl es sauber und ordentlich angezogen war. Das ist ganz real beschrieben im Buch. Ich habe dann auch in anderen Familien recherchiert, die dasselbe erlebt haben. Und ich habe damals nicht verstanden, warum die Leute so reagieren. Mit dem Buch wollte ich einfach Wissen vermitteln - Wissen darüber, dass eine Familie mit behindertem Kind nicht anders ist, als eine andere. Mit den gleichen Sorgen, den gleichen Sehnsüchten und eigentlich noch mit einem schwereren Rucksack auf dem Buckel. Und darauf sollte man nicht mit Aggressionen reagieren, sondern mit Verständnis. Und vielleicht als Unbetroffener auch mal den ersten Schritt gehen und fragen: „Kann ich Ihnen vielleicht mal helfen?“ Das hätte ich mir damals manchmal gewünscht. Eine Familie mit behindertem Kind hat oft nicht den Mut, auf andere zuzugehen. Und dann habe ich immer gesagt: Kunst ist eine Waffe. Ich wollte, dass betroffene Familien dieses Buch den Ämtern um die Ohren schlagen, wenn sie keine Wohnung kriegen und wenn ihnen nicht geholfen wird.«

Was war denn das Schlimmste, was Sie mit ihrem behinderten Kind erlebt haben?

»Es war vieles schlimm. Das Schlimmste aber war, dass meine Ehe daran kaputt gegangen ist und dass Freunde uns verlassen haben. Aber als dann das Buch erschienen ist, standen sie alle plötzlich wieder da und wollten Freunde sein.«

Könnten Sie Ihre Geschichte jetzt noch genau so schreiben?

»Nein. Das würde ich auch nicht. Jetzt ist es für die Familien in vielem einfacher, der Staat tut sehr viel, es gibt Vereine und Schulen, die Kinder werden gefördert. Aber damals war es die richtige Art, die Menschen emotional zu erreichen. Ich wollte dorthin gehen, wo man meine Haltung noch nicht hatte und aufklären. Zum Beispiel in die Kindergärten zu den Eltern, damit sie lernen, dass man behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen betreut, damit behinderte Menschen später in der Öffentlichkeit nicht mehr angestarrt, sondern ganz normal integriert werden.«

Welche Ratschläge hätten Sie heute für Waltraude, die Mutter im Roman?


»Ich würde ihr empfehlen, nicht alles so dicht an sich heran zu lassen. Denn sie macht sich kaputt und damit hilft sie keinem. Und dann, dass sie eher begreift, dass ihr Partner auch Liebe nötig hat, nicht nur das behinderte Kind. Das denke ich, müsste man ihr sagen. Und auch, dass sie energischer gegen staatliche Instanzen vorgehen soll, dass sie sich mehr Verbündete sucht und sagt: Jetzt gehen wir gemeinsam los. Das kann ich heute sagen, weil ich durch die Lebenskämpfe mittlerweile eine starke Frau geworden bin. Damals war ich ein schüchternes kleines Häschen.«

Wie erinnern Sie sich an Ihr Kind?

»Wenn ich an mein Kind denke, dann immer voller Liebe. Und voller Trauer, dass ich nicht mehr Kraft hatte, um länger mit ihm zusammen zu sein. Ich habe ihn die ganzen Jahre auf dem Rücken die Treppen hoch und runter getragen. Einen Fahrstuhl gab es ja nicht und er lernte eben nie Treppen steigen. Jetzt merke ich das erst in den Knien und den Bandscheiben. Und trotzdem denke ich an das Kind voller Liebe. In Gymnasien werde ich oft gefragt, ob ich das Kind abtreiben würde, wenn ich mich entscheiden könnte. Das würde ich nicht tun! Ich kann doch nichts abtreiben, was ich liebe. Behinderte Kinder sind sehr liebenswert, das sind ja keine sabbernden Ungeheuer. Man muss sich nur die Mühe machen, das Liebenswerte auch zu sehen.«

 

Bild: Redakteurin Silvia Halfter mit Roswitha Geppert

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