»Unser Gefühl sagt, wir wollen Anna behalten. Wir wissen noch nicht was ist, wenn sie weg ist.«
In dem mit warmen Rottönen eingerichteten, großzügigen Aufenthaltsraum sitzen fünf Frauen um einen großen Tisch und unterhalten sich. Eine hat ein Baby auf dem Schoß, das begeistert vor sich gluckst und aufgeweckt auf Mamis Knien hin und her rutscht. Ein junger Mann kommt dazu - einen kleinen Jungen mit trotzigem Blick an der Hand, der sich leise beschwert, dass sein roter Fußball weg ist. Der sei bestimmt noch oben im Zimmer, beruhigt ihn sein Vater und schickt den Dreikäsehoch mit einem liebevollen Schubs in die Richtung. Er nimmt Platz, streicht seiner Frau über den Arm und schenkt uns ein schüchternes Lächeln. Zwei ganz normale Familien im Gespräch mit KIDS und Co - so scheint es…
»Wenn
man das hier nicht nutzt…«, beschreibt der
sympathische Vater mit den traurigen Augen und breitet die Arme aus
- eine Geste, die sowohl den Raum als auch die Anwesenden
einschließt - »…kann man in unserer Situation
schnell denken 'warum ausgerechnet wir?'. Aber so fühlt man
sich nicht allein. So ist es, als wäre es irgendwie ein Teil
des Lebens.« Ralf Kriedemann und seine kleine Familie kommen
aus Lichtenstein. Ein ergreifendes Schicksal hat sie nach Jena
geführt. Neben ihrem aufgeweckten dreieinhalbjährigen
Sohn Paul, haben Ralf Kriedemann und seine Frau Mirjam noch einen
weiteren Sprössling - Tochter Anna. Doch schon seit Herbst
liegt das kleine Mädchen mit immer heftigeren epileptischen
Anfällen auf der Station des Kinderkrankenhauses in Jena.
Anna war gerade neun Wochen alt, als sie nach einer Mehrfachimpfung
die ersten Anfälle bekam. Seither hat sie minütlich
Anfälle. Anna würde nie wieder gesund werden, teilten die
Ärzte mit. Für sie besteht keine Aussicht auf Heilung.
»Die Therapie war erfolglos« wiederholt Mirjam
Kriedemann die Diagnose der Mediziner der Uniklinik Jena. Vom
ersten Krankenhaustag an hat Mirjam ihre Tochter begleitet. Die
langen Wochen
hat sie
anfangs auch nachts auf der Kinderstation im Klinikum verbracht, um
so oft und so lange wie möglich bei Anna sein zu können.
Zuflucht in dieser harten Zeit hat Mirjam Kriedemann im Ronald
McDonald Haus gefunden. Hier in Jena West, in unmittelbarer
Nähe zur Kinderklinik, trifft die Mutter auf andere betroffene
Eltern, findet Verständnis, Trost und offene Ohren, Menschen
zum Reden und zum Schweigen, Unterstützung - vor allem auch
von der Leiterin des Hauses. »Du bist an ihrer Seite, wenn es
ihnen richtig schlecht geht« beschreibt Steffi Uecker ihre
Aufgabe. »Es ist eine Zeit, in der wir zur Familie
dazugehören. Wir sind ein zu Hause auf Zeit für Familien
schwerkranker Kinder.«
Seit 15 Jahren arbeitet und lebt die gelernte Hotelfachfrau im
Ronald McDonald Haus. Ihre Tür steht immer für die
Familien offen. Die Anforderungen, die ihr die täglichen
Arbeit abverlangt, kann man nicht erlernen, weiß die
42jährige heute: »Ich bin damals aus dem Hotelfach
gekommen und habe geglaubt, so eine kleine Pension zu führen,
das bekommst Du schon hin - ohne zu ahnen, welche Herausforderungen
mir hier begegnen. Heute weiß ich: Man muss nicht Psychologe
sein, man muss das Herz an der richtigen Stelle haben, dann ist man
hier richtig!«
Es sind die gesundheitliche Werte, die den Alltag im Ronald
McDonald Haus bestimmen. Alles dreht sich um Leukozyten,
Thrombozyten - die alles entscheidenden Werte, die Aussagen, wie
gut es den kranken Kindern geht. Das Auf und Ab erlebt Steffi
Uecker stets hautnah mit, genauso, wenn es für einen kleinen
Patienten keine Chance mehr auf Heilung gibt. »Es ist immer
ein Verlust, wenn ein Kind geht. Ich denke, wenn ein Kind sterben
muss, verliert man eine Familie.«
Mit
diesen Gedanken trägt sich auch Familienpapa Ralf Kriedemann.
Während seine Frau Mirjam immer in Annas Nähe ist, leben
er und Sohn Paul weiterhin in Lichtenstein ihren Alltag zwischen
Arbeit und Kindergarten. »Es ist schwierig, das
Familienleben, wie man es kennt und liebt und auch die Arbeit unter
einen Hut zu bringen.« erklärt der 33jährige. So
oft es ihm möglich ist, fährt er zu Mirjam und Anna nach
Jena. Vor allem jetzt ist sein Beistand für Mirjam wichtig,
seit jeder Moment in Annas Leben der Letzte sein könnte.
Während wir uns mit Mirjam und Ralf über den schwierigen
Alltag der jungen Familie unterhalten, krabbelt Baby Alicia
neugierig durch das Zimmer und erkundet die Welt um sich herum.
Susann Höhne verfolgt jeden Schritt ihrer kleinen Tochter. Ihr
Blick verrät, das Alicia ihrer Mama Kraft gibt. Denn auch sie
hat das Schicksal ihrer Familie hierher nach Jena geführt.
Acht Wochen hat sie um das Leben Ihrer großen Tochten
Cecilia-Maria gebangt. Die Diagnose: Myelodysplastisches Syndrom
(MDS) - eine Reifungsstörungen bei der Blutbildung, die bis
hin zur Leukämie führen kann - wie letztlich auch bei
Cecilia-Maria. Im November erfährt Susann Höhne von der
Krankheit Ihrer Tochter. »Es fing alles mit einer
Lungenentzündung an. Die Kleine hat oft gekränkelt. Doch
als die Diagnose kam, war das für uns alle ein
Schock.«

Nach der Behandlung in einem Leipziger Krankenhaus wird
Cecilia-Maria auf die Spezialstation der Uniklinik Jena verlegt.
Mitte März erhält sie die lebenswichtige
Knochenmarkspende ihres achtjährigen Bruders Dennis und
befindet sich seitdem auf dem Weg der Besserung. Cecilia-Maria wird
wieder gesund. Doch eine gewisse Sorge bleibt Susann Höhne.
»Die Angst ist trotzdem da, was kommt vielleicht als
Nächstes?« Als Mutter wünscht sie sich nichts
Sehnlicheres, als das ihre Tochter dauerhaft gesund bleibt. - Ein
Wunsch, der sich für Familie Kriedemann und ihre kleine
Tochter nicht erfüllen wird. Mirjams und Ralfs Blicke treffen
sich liebevoll. »Unser Gefühl sagt, wir wollen Anna
behalten. Wir wissen noch nicht was ist, wenn sie weg ist. Wir
können jedoch nicht unsere Gefühle voranstellen. Die
Entscheidung, Anna gehen zu lassen, ist gefallen. Dort wo sie dann
ist, wird es ihr besser gehen, dort wird sie keine Schmerzen haben
und nicht länger leiden müssen.«
Viel Kraft und Mut hört man zwischen diesen Worten, die noch
in der Luft klingen, als die Eltern aufstehen, Paul an die Hand
nehmen und sich auf den Weg machen: Mirjam geht zu Anna in die
Klinik und Ralf und Paul fahren zurück nach Lichtenstein.
Kurz vor Redaktionsschluss, Anfang August 2008, erfahren wir aus
dem Ronald McDonald Haus, dass Mirjam und Ralf ihre heute ein Jahr
alte Tochter Anna mit nach Lichtenstein genommen haben, um die
letzte Zeit mit ihr gemeinsam zu Hause zu verbringen.
www.mcdonalds-kinderhilfe.org




