...wenn es nicht mehr einfach nur um einen selbst geht…
»Es passierte schneller als erwartet, aber es war die beste Entscheidung meines Lebens«, ist sich Annyka John sicher. Das kleine Wesen, das sie damals unter ihrem Herzen trug - natürlich ein Wunschkind.
Annyka hat ihr festes Ziel vor Augen, ihr Studium an der Universität Erfurt zu beenden - gemeinsam mit ihrer kleinen Luisa. Das bedeutet für die Studentin der Literaturwissenschaft, so manchen Plan neu zu fassen. Denn eine knappe Woche nach der Entbindung bereits wieder im Hörsaal sitzen, »das ist ein Ding der Unmöglichkeit«, erzählt die 27jährige. So hat sie im Sommersemester 2006 pausiert und ihre Mutterschaftszeit genossen.

Mit Beginn des neuen Semesters wollte jeder Tag gut durchdacht sein. Vormittags widmet sich Annyka Töchterchen Luisa, am Nachmittag sorgt sich ihre Mutter um den Nachwuchs. »Es war das stressigste und intensivste Semester meines Studiums, aber auch das beste, das ich hingelegt habe«, verrät uns die junge Mama.»Man ist wesentlich besser organisiert, wenn man ein Kind hat und lernt, langfristig zu denken.«
Rückhalt erfährt die junge Mutter nicht nur durch ihre Familie, auch die Dozenten der Universität unterstützen die Studentin. Eine Konsultation bei der Betreuerin ihrer Abschlussarbeit ist Annyka noch genau in Erinnerung. »Während ich mit der Dozentin meine Arbeit besprochen habe, hat sich Luisa voller Neugier den Büchern und Ordnern gewidmet und erstmal das Regal ausgeräumt«, schmunzelt die junge Mama. »Schwieriger wurde es nur, als mein Abgabetermin immer näher kam. Kinder scheinen ja zu spüren, wenn etwas Wichtiges anliegt. Und meine kleine Luisa hat gleich vier Zähne bekommen und so manche unruhige Nacht verursacht«, erzählt Annyka und schmiegt den Kopf liebevoll an ihr Töchterchen. »Meine Eltern haben Luisa dann für eine Woche zu sich genommen, damit ich konzentriert arbeiten kann.« Und endlich hat Annyka ihre Abschlussarbeit abgeben können.
Damit haben sich auch Stress und Anspannung förmlich in Luft aufgelöst. »Auf einmal wieder in den Tag hinein leben zu können, war erstmal ungewohnt für mich.« Doch Annyka hat eine wichtige Aufgabe: Luisa. Und sie hat feste Zukunftspläne. Im kommenden Jahr wird sie heiraten und wenn Luisa in den Kindergarten geht, wird die junge Mutter in das Unternehmen ihres künftigen Ehemannes einsteigen.
Für viele ist der Gedanke während des Studiums Eltern zu werden unvorstellbar. Aber die junge Mama zeigt, dass es durchaus möglich ist, Studium und Muttersein zu verbinden. Diese Erfahrung haben auch andere junge "Studenteneltern" gemacht.
Auf dem Campus der
Universität Erfurt treffen wir drei fröhliche Gesichter.
Der kleine Junis strahlt uns mit seinen großen braunen Augen
an und macht erstmal das Café an der Unibibliothek im
Krabbelschritt unsicher. »Bald kann er richtig laufen und ist
wahrscheinlich gar nicht mehr zu bremsen«, lacht seine Mutter
Marie-Luise Heinrich-Mechergui. Die 23jährige VWL-Studentin
der steckt mitten im Masterstudium und arbeitet nebenbei am
Lehrstuhl. 2002 haben sie und ihr Mann Temime, 29 Jahre und
ebenfalls VWL-Masterstudent, geheiratet. Mit Söhnchen Junis
hat sich vor eineinhalb Jahren ihre kleine Familie
vervollständigt. »Zwei Wochen vor der Geburt habe ich
mein Bachelor-Zeugnis bekommen. Danach habe ich das eine Jahr
Mutterschaftszeit auch genossen, aber nach und nach fiel mir zu
hause die "Decke auf den Kopf". Jetzt bin ich froh wieder zu
studieren,« erklärt Marie-Luise.
Wie die junge Familie ihren Tag organisiert, möchten wir wissen. »Ich übernehme immer die Nachtschicht!« erklärt Temime. »Ja, dann kann er nämlich morgens noch liegen bleiben, wenn es ums Frühstück machen geht« neckt ihn seine Frau. Wenn sie zu ihren Seminaren gehen, hilft der Vater von Marie-Luise. »Er ist der beste Opa! Er kommt jeden Morgen mit dem Fahrrad zu uns geradelt und kümmert sich um Junis. Manchmal macht er auch die Einkäufe oder geht zu Arztterminen, wenn wir viel an der Uni zu tun haben.«
Einmal hat es sich nicht anders organisieren lassen und der Kleine musste mit in die Uni. »Das war überhaupt kein Problem. Hier kommt man mit einem Kinderwagen überall gut in die Lehrgebäude. Der Professor hat sich gefreut, genau wie die Kommilitonen,« lacht Marie-Luise zu. »Nur war Junis krank und hat sich nicht von seiner besten Seite gezeigt. Aber dann ist Temime einfach mit ihm vor die Tür gegangen und hat ihn beruhigt. Ansonsten haben wir es echt gut, Junis ist ein ruhiges und entspanntes Kind.« Überhaupt kein Problem - genau diesen Eindruck haben auch wir von der jungen Familie.
Wir haben zwei kleine Familien kennen gelernt, die ihren Weg Studium mit Kind eigenständig und mit der Hilfe ihrer Familien meistern. Liebevoll kümmern sich die Großeltern um den Nachwuchs, wenn die Mamas und Papas ihrem Studium oder ihrer Arbeit nachgehen. Doch welche Möglichkeiten haben nun junge Eltern, deren Angehörige ihnen nicht helfend zur Seite stehen?
An der Universität Erfurt ist das Gleichstellungsbüro und Büro für Familienfragen die erste Anlaufstelle für Mütter und Väter, die Studium und Elternschaft unter einen Hut bringen wollen. »Wir helfen bei der Organisation von Betreuung, beraten in finanziellen Fragen und vermitteln an die richtigen Stellen, zum Beispiel das Jugendamt oder Sozialamt«, erklärt Sabine Adamy-Kühne, Leiterin des Gleichstellungsbüros. Viele junge Eltern nehmen Urlaubssemester oder nutzen die Möglichkeit eines Teilzeitstudiums, um genug Zeit für`s Kind und für das Studium zu haben. Die Urlaubssemester wirken sich nicht auf die Semesterzahl aus, sodass hier keine Langzeitstudiengebühren entstehen.
Auch für die Betreuung der kleinen Lieblinge ist größtenteils gesorgt. Sabine Adamy-Kühne erzählt: »Auf dem Universitätscampus gibt es eine KiTa, ein Drittel der Kinder sind Studentenkinder. Die Betreuung in den Abendstunden übernimmt hier eine Tagesmutter, das viele Vorlesungen und Seminare erst am späten Nachmittag beginnen. Und wenn es mal nut um zwei Stunden geht, springe auch ich gern mal ein«, zwinkert uns die Büroleiterin zu.
Die Erfurter Universität darf sich seit 2005 "Familiengerechte Hochschule" nennen. »Schon jetzt haben wir in der Mensa einen Eltern-Kindbereich eingerichtet und in allen zentralen Gebäuden befinden sich Wickelräume «, beschreibt Sabine Adamy-Kühne. Das Studentenwerk Erfurt-Ilmenau hat zudem den Kinderausweis auf den Weg gebracht. Studierende mit Kind erhalten damit ein kostenloses Essen für den Nachwuchs. Mit noch mehr Tagesmüttern und einer zweiten KiTa auf dem Campus will man jedoch auch zukünftig eindeutige Zeichen für ein familienfreundliches Studieren mit Kind setzen.
Auch im Bundesland Sachsen sind nachwuchsfreudige Studenten gern gesehen. Wie die Erfurter Universität besitzt auch die Technische Uni Dresden das Grundzertifikat "Familiengerechte Hochschule". Mit der Umstellung auf das Bachelor/Mastersystem wird auch hier, wie es in Erfurt bereits seit Jahren der Fall ist, ein Teilzeitstudium für Eltern ermöglicht.
Im sozialen Bereich bietet das Dresdner Campusbüro ein
breites Angebot für Mamas, Papas und die kleinen Lieblinge.
»Bei uns ist immer viel los«, erzählt
Büroleiterin Cordula Meier. »Wir helfen den Studenten,
wenn es um Fristverlängerungen für ihre Prüfungen
geht, kümmern uns um Anlaufstellen für die
Erstausstattung und stehen für alle Fragen zur
Verfügung.« Auf eigens organisierten Baby- und
Kindersachflohmärkten können sich junge Eltern preiswert
ausstaffieren.
Auch einen Campuskindergarten für die kleinsten
Sprößlinge befindet sich auf dem Gelände. Für
einen Bedarf außerhalb der Öffnungszeiten hat sich das
Team vom Campusbüro etwas Besonderes einfallen lassen:
»Wir haben eine "Patenoma-Intitiative" organisiert.
Es gibt in Dresden viele Menschen in den besten Jahren, die sich
über den Kontakt zu jungen Familien freuen und sie
unterstützen wollen. Und für unsere Studenten ist das
eine tolle Möglichkeit Hilfe der älteren Generation zu
bekommen, wenn die eigenen Großeltern weit weg wohnen oder
selbst keine Zeit haben«, erklärt Cordula Meier die
Idee.
Studium mit Kind? Richtig organisiert - Kein Hindernis - einfach
anders.
Im Falle beider Studenten-Familien hat der Nachwuchs unsere
frischgebackenen Eltern geradezu beflügelt. Sie schreiben nur
beste Noten - sicher nicht zuletzt weil ihr Tag als Dreiergespann
viel besser und effektiver organisiert werden muss…




