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Christoph Matschie exklusiv im KIDS und Co Interview

...zu politischen Ansichten, dem Sinn für Gerechtigkeit, prägenden Kindheitserinnerungen und der nächtlichen Begegnung mit "Ritter Adalbert"...

Herr Matschie, eines Ihrer Ziele ist es Thüringen zukünftig bildungspolitisch an die Spitze aller Bundesländer zu führen. Ein Grundgedanke hierbei ist der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem ersten Lebensjahr…

Das wäre ein Gewinn für Eltern und Kinder. Eltern sollen sich auf eine gute Betreuung ihrer Kinder in der Kinderkrippe oder im Kindergarten verlassen können. Und für die Kinder ist es ein Vorteil, wenn sie im Kindergarten oder in der Krippe zusätzliche Anregungen für ihre Entwicklung kriegen. Ich finde es falsch, wenn das immer gegeneinander ausgespielt wird. Eltern nehmen genauso ihre Verantwortung wahr, wenn sie ihre Kinder in eine Betreuung geben und sind gleichermaßen dankbar für die Unterstützung, die sie durch Kindertageseinrichtungen bekommen. Ein schönes afrikanisches Sprichwort sagt: "Um ein Kind zu erziehen braucht man ein ganzes Dorf". Dieses "Dorf" haben unsere Kinder oftmals nicht mehr um sich. Heutzutage wachsen Kinder meist in kleinen Familien auf. Insofern ersetzen die Kinderkrippe und der Kindergarten ein bisschen das "Dorf", welches Kinder brauchen, um sich gut entwickeln zu können.

Ein weiteres Bestreben für Sie ist, Kinder bis zur achten Klasse gemeinsam in einer Schule lernen zu lassen, bevor sie unterschiedliche Schullaufbahnen einschlagen...
Ich bin fest davon überzeugt, dass es schlecht ist, wenn schon nach der 4. Klasse über die Schullaufbahn entschieden wird. Oft ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht absehbar, wie sich Kinder entwickeln und welche Potenziale sie haben. Die Entscheidung fällt damit nicht nach der Leistungsfähigkeit der Kinder sondern nach anderen Gesichtspunkten - zum Beispiel nach der sozialen Situation der Eltern. Wir haben uns genau angeschaut, was andere Länder in diesen Bereichen tun. Mir gefällt das skandinavische Schulmodell sehr gut. In allen internationalen Vergleichen sind die Skandinavier übrigens sehr erfolgreich. Die Kinder lernen dort in der Regel sehr lange miteinander, bevor sie unterschiedliche Schulabschlüsse machen. Die Leistungen der Schüler sind deshalb deutlich höher. Beispielsweise machen sehr viel mehr Schüler das Abitur als in Deutschland. Wenn wir mithalten und unseren Kindern optimale Chancen bieten wollen, brauchen wir eine solche Schulreform - auch hier in Thüringen. Das ist aber nicht nur eine Strukturfrage, sondern es geht um die Inhalte von Schule und insbesondere um die individuelle Förderung. Eine Schulklasse ist kein homogener Block. Es sind ganz verschiedene Kinder und Jugendliche, die vielseitig gefördert werden müssen. Jeder, der Kinder hat, weiß das. In einer Familie wachsen die Kinder meistens unter ähnlichen Bedingungen auf und sind dennoch oft sehr unterschiedlich. Unser Bildungssystem - angefangen von Kinderkrippe und Kindergarten bis hin zur Schule - muss dem mehr Rechnung tragen. Wir müssen es schaffen stärker individuell zu fördern.

Der Thüringer Bildungsplan für die 0-10jährigen tritt nun zum neuen Schuljahr in Kraft und beinhaltet unter anderem genau diese individuelle Förderung für Kinder. Was können Sie diesem Vorhaben abgewinnen?
Ich sehe den Bildungsplan insgesamt positiv. Die Schwierigkeiten beginnen an einer anderen Stelle. In den letzten Monaten bin ich viel in den Thüringer Kindergärten unterwegs gewesen. Die Gespräche mit den Erziehern haben mir gezeigt, dass die Kürzungen bei Kindertageseinrichtungen höhere Ansprüche an Bildung untergraben. Wir brauchen einen besseren Personalschlüssel, damit dieser Anspruch auch realisiert werden kann. Wenn die Gruppen einfach zu groß, die Vorbereitungszeit und alles was zu einer guten Arbeit im Kindergarten dazugehört, zu knapp bemessen sind, dann gibt es wenige Chancen. Dann gibt es zwar einen schönen Plan, aber in der Wirklichkeit zu wenig Raum, diesen auch tatsächlich umzusetzen. Deshalb setzen wir uns gemeinsam mit dem Elternvolksbegehren dafür ein, dass es wieder mehr Mittel für die Kindergärten in Thüringen gibt. Erst dann kann der gute Bildungsplan auch sinnvoll umgesetzt werden.

Worauf legen Sie persönlich besonderen Wert bei der Förderung und Erziehung von Kindern?
Es ist wichtig die Neugier der Kinder zu nutzen, der Neugier "Nahrung" zu geben. Kinder tragen eine gewaltige Entdeckerfreude in sich. Jeder erlebt das ja selbst zu Hause. Da fangen die Kinder gerade an zu krabbeln und erkunden schon alles, was sie erreichen können. Und wenn da ein Blumentopf steht, wird die Erde erstmal rausgeholt und gekostet und geschaut, wie gut die sich streuen lässt ... (lacht) Kindern diesen Raum und die Möglichkeiten für ihre Entdeckerfreude zu geben ist wichtig. Auch, dass sie neugierig bleiben und dem Leben offen gegenüber stehen, sich zu fragen trauen und so Selbstbewusstsein entwickeln. Ein weiterer wichtiger Bereich ist Respekt. - Respekt vor anderen. Ich glaube, dass beides zusammen gehört: einerseits die eigene Entdeckerfreude, andererseits anderen Menschen gegenüber Respekt zu zeigen.

Ihr Lebensweg ist nicht zuletzt sehr durch Ihren Vater, einen Pfarrer, geprägt worden. Sie selbst haben sich als junger Mensch dann auch für das Theologiestudium entschieden. Was hat Sie letztlich in die Politik geführt?
Ich bin noch richtig im Dorf groß geworden, habe auf der Dorfstraße mit vielen anderen Kindern gespielt und bin dort zur Schule gegangen. Gleichzeitig habe ich viele Geschwister und in einer Familie mit vielen Kindern geht es oft auch um Gerechtigkeit. Unterm Strich: Für mich war wichtig, die Gesellschaft gerecht zu gestalten. Das Zweite, was mich seit meiner Kindheit bewegt, ist für eine intakte Natur und Umwelt zu sorgen. Und ich war Drittens immer davon überzeugt, dass es gut ist, wenn Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. 1989, als die Chance da war, sich plötzlich Wege geöffnet haben, war für mich sofort klar, ich will dabei sein. Für mich war die SPD eine politische Kraft, die auch für meine drei Ziele steht. Damit war meine Entscheidung klar.

Was würden Sie davon halten, wenn Ihre Kinder eines Tages zu Ihnen kämen und sagten: 'Papa, ich möchte in die Politik gehen'?
Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sie das tun. Unsere Kinder erleben das ja auch bei uns zu Hause, hier wird ebenfalls über Politik diskutiert. Ich bin selbst überrascht, wie aufmerksam schon die Kleinste die Nachrichten im Radio verfolgt und Fragen dazu stellt. (schmunzelt) Ich finde es gut, wenn Menschen politisch denken und sich dafür interessieren, was in der Gesellschaft und um sie herum passiert.

Als Politiker bleibt Ihnen wenig Zeit für's Private. Wie sieht bei Ihnen ein Tag ganz in Familie aus?
Im Sommer gehen wir oft baden. Unsere Kinder sind sehr gern im Wasser. Deshalb geht es im Urlaub auch an die Ostsee. Ansonsten fahren wir gern Rad. Die Kleine ist gerade dabei es zu lernen. Da sieht's dann meistens so aus, dass ich neben her renne (lacht amüsiert) und darauf aufpasse, dass sie nicht umfällt. Aber nicht mehr lange, dann kann sie das und wir können alle zusammen fahren. Was meine Kinder auch sehr gern mögen, ist Geschichtenerzählen, aber nicht etwa Vorlesen, sondern eigene Geschichten! Damit fordern sie auch meine ganze Phantasie. - Wir haben mittlerweile ganze Fortsetzungsromane! (lacht herzlich) - Da gibt es zum Beispiel eine Figur, die Ameise Willi, die allerlei mit ihren Freunden im Reich der Insekten erlebt. Eine andere Geschichte spielt im Mittelalter bei den Rittern. Die Hauptfigur darin, der Ritter Adalbert, erlebt die tollsten Abenteuer. So gibt es unterschiedliche Fortsetzungsgeschichten und die Kinder dürfen wählen, welche weiter gehen soll.

Was ist für Sie die tägliche Motivation, woraus gewinnen Sie Kraft für sich?
Wenn man Fraktionsvorsitzender und Landesvorsitzender ist, fordert das viel Zeit und Energie. In aller Regel ist das ein 12-bis-14-Stunden-Tag. Das kriegt man nur hin, wenn man einen guten inneren Antrieb hat. Für mich ist es ganz wichtig den Tag positiv zu sehen. Das versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln. Die sind ja auch nicht immer ganz glücklich, wenn ich sie morgens um sechs wecke... Dann schauen wir, worauf können wir uns freuen? Was bringt uns der Tag? Das ist eine ganz wichtige Motivation auch für mich selbst. Nicht weniger wichtig sind für mich die Begegnungen mit anderen Menschen. Ich habe in meiner Arbeit so viele Menschen kennen gelernt, die sich engagieren, die positiv sind, die etwas wollen. - Das gibt mir im Grunde selber Kraft. Und: ich habe langfristige Ziele, die mir wichtig sind. Jeder kleine Baustein, der dazu beiträgt, dass es etwas gerechter zugeht in der Welt, ist für mich ein Gewinn - auch ganz persönlich. Ein weiteres Ziel ist für mich alles, was man tun kann, unsere Natur zu erhalten - gerade für die Generationen, die nach uns heranwachsen.

Das Gespräch führte Susann de Luca für KIDS und Co

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