Semperoper Werkstätten
Wie eine andere Welt oder: Hinter den Kulissen der Semperoper

Im historischen Vierertrakt schräg links über die Straße hinter dem Semperoper-Gebäude ist alles überdimensional groß: ein Nähkasten, der bis fast an die Decke reicht, Besen als Pinsel für Farbeimer statt Tuben oder Töpfe, Riesenstiefel für den Holländer-Michel in "Kaltes Herz" oder die Gürtelsammlung in der Waffenkammer. KIDS und Co durfte einmal in die Werkstätten der Sächsischen Staatsoper Dresden schauen...
Mal ehrlich, wer schnüffelt nicht gern auf einem Dachboden oder entdeckt längst verborgene oder vergessen geglaubte Schätze in Regalen, Kisten oder Schränken. Ob Groß oder Klein, eine gewisse Faszination kann da wohl kaum jemand leugnen. So oder zumindest so ähnlich kann man sich den Blick hinter die Kulissen der Semperoper in die Kostüm- und Dekorationswerkstätten vorstellen - nur eben in riesiger Dimension.
Woraus besteht überhaupt eine Kostümwerkstatt? Mal überlegen, was ein Schauspieler oder Künstler so alles auf der Bühne für seine Rolle braucht. Klar, ein Kostüm aus Hemd, Hose oder Rock, mit Schuhen, einem Hut, einem Gürtel, eventuell eine Waffe. Aber natürlich auch Unterwäsche. Und wenn möglich das alles möglichst originalgetreu und historisch zum Stück passend. Also sind auch meistens Ornamente an der Kleidung und Schmuck von Nöten. Tja, und wie ist das, wenn ein Künstler mal krank wird, sein Ersatz aber eine ganz andere Konfektions- und Schuhgröße hat? All das muss bedacht werden.
Nun könnte man es sich einfach machen und einkaufen gehen. Aber das ist nicht der Anspruch, den die Sächsische Staatsoper Dresden an sich selbst stellt. Hier werden nur mit ganz wenigen Ausnahmen die gesamten Kleidungsstücke und was sonst noch dazugehört in aufwendiger Handarbeit hergestellt. In der Schneiderei rattern die Nähmaschinen. Nach den Entwürfen der Kostümbildner entsteht maßgeschneidert für jeden Schauspieler neuer Inszenierungen die Bekleidung. Die Nähte sind breit und dadurch flexibel sowie nützlich bei den Vorstellungen. Manchmal kann das auch Größenunterschiede ausgleichen, wenn nicht erhält der Künstlerersatz ebenfalls ein für ihn passendes Kostüm. Ganz besonders wichtig ist es bei allen Anfertigungen, die Wirkung aus der Ferne zu berücksichtigen.
Alle Details müssen auch von Weitem für die Zuschauer gut sichtbar sein. Und der Künstler muss sich in der Kleidung auch bewegen können und wohlfühlen. Haltbar und trotzdem bequem sind Eigenschaften, die die Sachen aufweisen müssen. Für solche Fälle, wenn etwas doch noch älter aussehen oder mit speziellen Ornamenten versehen werden muss, gibt es zusätzlich die Kostümmalerei. Auch das Feine und Weiße wird extra bearbeitet - in der Weißnäherei. Schließlich müssen auch Unterwäsche, Halskrausen und Hemden mit den meist historischen oder phantasievollen Kostümen übereinstimmen.
Was ist nun eine Putzmacherei? Hier wird unterdes gefertigt, was mit Hüten sowie Kopfbedeckungen aller Art zu tun hat. Der Begriff leitet sich von der früher gebräuchlichen Redwendung ab »Man putzte sich auf«. Auch hier gibt es Tipps und Tricks bei Größen zu variieren, beispielsweise durch Gummi oder Kork.
Apropos Größenverhältnisse, davon können auch die Schuhmacher ein Lied singen. Ob Riesenstiefel für den Holländer-Michel in der Aufführung "Kaltes Herz" oder Schuhe für die sieben Zwerge - für jeden Sänger oder Schauspieler, männlich oder weiblich, gibt es hier passende Schuhe. Nötig dazu: der Schuhabdruck jedes Künstlers und unzählige Leisten aus Holz.
So sieht es also in den Kostümwerkstätten aus, bis die Schauspieler von Kopf bis Fuß so eingekleidet sind, wie es auf der Bühne notwendig für die jeweilige Vorstellung ist. Bei etwa 350 Opernsowie Ballettaufführungen plus Zusatzveranstaltungen im Jahr lässt sich erahnen, welch hoher Aufwand und handwerkliches Geschick tatsächlich im Hintergrund und Vorfeld jeder Aufführung notwendig sind. Mehr als 800 Mitarbeiter beschäftigt die Sächsische Staatsoper Dresden und wirkt trotzdem wie eine große Familie. Hand in Hand entstehen hier somit wunderschöne Kleidungsstücke und wirkungsvolle Bühnendekorationen aller Art und Größe.
Moment mal, da fehlt doch noch einiges. Genau - die Bühnendekoration. Malereiwerkstatt, Tischlerei, Rüstkammer, Schlosserei, die eigentliche Dekorations- und eine Plastikabteilung gehören zu den Dekorationswerkstätten der Semperoper. Mit Farbeimern und Besen als Pinsel entsteht bei unserem Besuch gerade die Rosenhecke für "Dornröschen". Auch hier ist wieder eine gelungene Mischung aus detailgetreuer Abbildung sowie Wirkung aus der Ferne ganz wichtig. Nach Vorlage, aber auch mit sehr viel eigener künstlerischer Gestaltung wird hier gearbeitet.Eine Nase voll Holzduft schwebt beim Betreten der zwei riesigen Räume der Tischlerei entgegen, wo Teile für die Bühnengestaltung aus Holz montiert werden. Während heute auch viel mit Metall gestaltet wird, wurde früher das natürliche Material bevorzugt. In der hauseigenen Schlosserei kann …
Mit einem Doppelschloss verriegelt werden die Waffen in der Rüstkammer verwaltet. Das hat seinen guten Grund, denn vom Degen bis zum Maschinengewehr sind hier zum größten Teil Originalwaffen zu finden. Nur ganz wenige Theaterwaffen würden bei der Sächsischen Staatsoper Dresden benutzt. Auch Mengen an Gürteln, Lederwaren und Kronen "lagern" hier.
Mindestens ebenso große Mengen, jedoch an Stoff, benutzt die Dekorationsabteilung. Die Mitarbeiter hier sind zum Beispiel für Fenstervorhänge oder die Bezüge der Theatersitze zuständig - eben für alles, was mit Stoff zu tun hat.
Noch deutlicher, dass Theater zaubern kann, wird es in der Plastikabteilung. Da schwebt eine Kuh an der Decke, eine Riesenmohrrübe hängt über dem Treppengeländer und nach Vorlage eines kleinen Modells entsteht mit Silberfolie beklebt ein Teil für ein neues Bühnenbild. Die fleißigen Dekorateure sind mit Kaschieren, Kleben und Tiefziehen beschäftigt.
In allen Abteilungen zählt Handwerkskunst von absoluten Fachleuten. Fließbandarbeit ist ein Fremdwort. Für die Mitarbeiter der Werkstätten ist kein Tag wie der andere. Für uns war dieser Exkurs in die Welt hinter der Bühne das ebenfalls nicht. Stark beeindruckt, verabschiede ich mich gemeinsam mit unserer Chefredakteurin Susann de Luca von Annegudrun Heilmann von der Sächsischen Staatsoper Dresden. Gerade haben wir in mehr als zwei Stunden einen Rundgang der Extraklasse erlebt, durften einmal eine ganz andere Welt bestaunen und sind überzeugt, dass "hier alle Kollegen goldene Hände haben".






