Expertenrat Kinderschutz
Die Kinder nicht immer nur abgeben, aber auch nicht
überbehüten
Missbrauch, Misshandlung, Mord - Eine absolute Sicherheit
für Kinder gibt es nicht. Eltern können aber die Balance
zwischen mehr Gelassenheit sowie einer gesunden Portion Misstrauen
finden und sie auch ihren Jüngsten vermitteln. KIDS und Co hat
Dr. Susanne Wiese, Leiterin des Instituts für
pädagogische Diagnostik in Erfurt, dazu befragt.
Frau Dr. Wiese, so ein Verbrechen wie das in
Leipzig an der achtjährigen Michelle kurz vor Beginn des neuen
Schuljahres löst furchtbares Entsetzen, Betroffenheit und
Unsicherheit bei Eltern aus. Was raten Sie?
»Man
muss bei solchen Fällen zwei wesentliche
Verarbeitungszeiträume beachten. Wenn solch ein Verbrechen
sich bestätigt und über die Medien bekannt wird, dann
fühlen sich alle, besonders aber alle Eltern akut betroffen
und es wird ihnen nahezu panisch bewusst, dass es die Sicherheit,
die als selbstverständlich angenommen wird, nicht gibt. In der
zweiten Phase ebbt die akute Betroffenheit ab. Das, was bleibt, ist
eine Öffentlichkeit, die sensibler und ein elterliches
Schutzbedürfnis, das größer ist. Um ihr Kind zu
schützen, können Eltern sehr wohl etwas tun, müssen
sich allerdings auch damit abfinden, dass absolutes Behüten
weder möglich noch sinnvoll ist. Mit den Kindern immer wieder
üben, das halte ich für wichtig. Bereits vor dem 5.
Lebensjahr kann man beginnen, Ihnen ganz behutsam ein Konzept von
Gut und Böse zu vermitteln. Das kommt nicht von allein. Wenn
ich junge Kinder habe, muss ich mir Zeit für sie nehmen. Ich
kann nicht erwarten, dass andere meine Aufgaben als Eltern genau so
oder gar besser übernehmen.«
Nicht nur Fremde, häufig sind es sogar
Freunde, Bekannte oder gar Familienmitglieder, die sich an ihren
kleinen Opfern vergehen. Wie kann man sein Kind allgemein vor einem
Missbrauch schützen?
»Mit meinen Kindern habe ich in Rollenspielen geübt,
egal in welcher Situation, niemals ohne das Wissen der Eltern mit
jemandem mitzugehen, ob fremd oder bekannt . Das habe ich ihnen
immer wieder eingeimpft. Heute ist es aber oft so, dass bei vielen
Kindern Unmengen an Terminen in der Woche auf dem Programm stehen,
die sie ohne Eltern absolvieren. In 90 Prozent der Fälle
werden die Kinder von den Eltern oder von Bekannten abgegeben oder
mitgenommen. Die Zeiten, in denen man einfach so zusammen ist, als
Familie, sind selten geworden. Aber wenn ich ein Kind habe, bin ich
in erster Linie verantwortlich. Ich muss mich so organisieren, dass
es gemeinsame Zeit gibt - auch trotz Beruf und Eltern sollten immer
selbst genau wissen, was ihre Kinder erleben und mit wem. Auf der
anderen Seite muss man sich als Erziehungsberechtigter auch damit
abfinden, dass ein lückenloses Behüten nicht immer
möglich ist. Wenn Kinder überbehütet sind, nimmt
ihre eigene Fähigkeit ab, Gefahren zu erkennen. Eine
Scheinwelt, in der alles nur gut ist und die Eltern als Schutzengel
jederzeit zur Stelle sind, ist auch nicht richtig. Deshalb ist es
wichtig, zu üben und abzuwägen, was ist machbar und
notwendig, um Kinder sicher und selbständig aufwachsen zu
lassen.
Eltern können eine Balance finden. Dabei ist die Frage
wichtig: Wie schätze ich mein Kind ein, wenn es schon
älter ist. Kinder lernen am meisten am Vorbild der Eltern.
Eine gesunde Kultur zu entwickeln, mit mehr Gelassenheit, aber auch
einer normalen Portion Misstrauen. Das sollte sich die Waage
halten. Wenn Eltern mit ihrem Kind sprechen, über alles
informiert sind und am Erleben ihres Kindes teilhaben,
schließt es sich nahezu aus, dass sich Fremde oder Bekannte
unbemerkt der Kinder bemächtigen.«
Wie mit Straftätern - zu großem Anteil
Wiederholungstätern - verfahren wird, ist auch nicht
beruhigend für Eltern. Was halten Sie davon?
»Ich bin persönlich der Meinung, dass es in unserer
Rechtspflege eine Ungleichbehandlung bei der Resozialisierung von
Sexualstraftätern und anderen Straffälligen geben
müsste. Sexualstraftäter sind meist einschlägig
vorbestraft und rückfällig geworden. Es stellt sich die
Frage, ob es sich vielleicht um einen therapeutischen Mythos
handelt, wenn jemand unter Alltagsbedingungen in Freiheit
resozialisiert werden soll, der nie sozialisiert war. In jedem Fall
finde ich es unerträglich, wenn es einschlägig
vorbestraften Sexualstraftätern möglich ist, ihre Chance
zur Resozialisierung zu missbrauchen, um erneut Opfer zu finden. Es
muss von mehreren Seiten etwas passieren, damit Verbrechen, wie das
an Michelle, durch geeignete Prävention weitestgehend
verhindert werden.«





