Spielen in der Stadt?
Verkehrssicherheit in Erfurt
Die letzen Sonnenstrahlen, die uns kitzeln, locken hinaus ins Freie eines spätherbstlichen Erfurts. So groß die Freude über die restliche Jahreswärme, so groß scheint auch das Gedränge auf den wenigen freien Plätzen der Spiellandschaften, die die Landeshauptstadt für seine jüngsten Bewohner zu bieten hat…
Es stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt genügend Raum für Spiel und verkehrsfreie Flächen für Kinder in dieser Stadt? - Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Erfurter Stadtrat steht schon lange fest: Erfurt hat Einiges für seine Familien zu bieten, jedoch auch in manchen Dingen Nachholbedarf. Bernward Credo, selbst Vater von drei Kindern im jugendlichen Alter und aufgewachsen mit sechs Geschwistern, spricht bei unserem Besuch im Erfurter Rathaus von der Idee eines Spielraumverbundes. Damit ist die Bespielbarkeit eines gesamten Standortes gemeint. Strukturelle Voraussetzungen hierfür sind ein autofreies beziehungsweise verkehrsarmes Stadtgebiet mit "Spielangeboten". Sowohl gestaltete Spielplätze als auch naturnahe Gebiete sollen darin integriert werden.
Bernward Credo erläutert:
»Eines unserer langfristigen Projekte ist unser Grünzug-
und Spielraum-Verbund-Konzept. Wir haben den Oberbürgermeister
und seine Verwaltung beauftragt, die bisherige Politik für
Kinder umzulenken, die wir als den verkehrten Weg betrachten. Es
muss dem Inselkonzept entgegengewirkt werden. Unser Konzept
heißt konkret: Sehen, dass Kinder sich selbst von A nach B
bewegen können. Dafür brauchen wir verkehrsberuhigte und
autoarme Bereiche, mehr Fußgängerüberwege und
besonders ungefährliche Verbindungen zwischen den einzelnen
Stadtteilen«Fortführend erklärt der Politiker: »Das Potential unserer Stadt liegt in den vielen Grünzügen und dass wir die Flussläufe begehen können. Jedoch ist das alles bisher zu gestückelt. Für die Heranwachsenden ist das zu wenig. Wir brauchen aber auch nicht nur aufwendig gestaltete Spielplätze, sondern es genügt auch schon eine Wiese mit einer dichten Hecke, die so für Kinder besser nutzbar gemacht wird.«
Konkretisiert auf die Situation der Erfurter Innenstadt, formuliert Credo: »Ein Beispiel für die benannte Inselsituation ist der Bereich Juri-Gagarin-Ring - Löberstraße. Da hat man einen Spielraum, der zu beiden Seiten vom starken Verkehr begrenzt ist. Die dritte Seite ist umgeben vom Plattenbau. Da ist also für die Kinder überhaupt kein freies Umherlaufen möglich. Man sollte weiterhin überlegen, ob zwischen Domplatz und Hirschgarten nicht was möglich ist für Kinder. Jahrelang hat man sich ein Parkhaus am Hirschgarten vorstellen können, warum nicht einen grünen Spielraum? Wir würden auch gern auf die große Fläche zwischen dem Luisenpark und dem Gagarin-Ring. Wir bemühen uns diesbezüglich, dass eine rechtzeitige Planung vorgenommen wird, bevor die eigentliche Stadtteilplanung abgeschlossen ist. Dann ist der ganze Bauplatz nämlich wieder vergeben und nichts für einen Spielbereich übrig.«
Eltern wissen, das Entdecken der Umwelt beginnt für Kinder vor der Haustür. Verkehrsberuhigte Spielstraßen, kinderfreundliche Grünanlagen und Innenhöfe sowie gut erreichbare Spielplätze sind deshalb ein Wunsch vieler Familien.

Wie es um Erfurt steht? - Hier kommen Ihre ganz persönlichen Meinungen:
Thomas
Otto (26) KFZ-Mechaniker aus Heiligenstadt:«Ich bin zwar nicht aus Erfurt, aber mir sind sofort die Straßenbahnen negativ aufgefallen. Die sind so leise und das finde ich für Kinder schon ziemlich gefährlich. Im Vergleich zu anderen Städten ist das Verkehrsaufkommen hier in der Innenstadt auch ganz schön hoch. Kinderspielplätze oder Spielmöglichkeiten für Kinder hab ich bisher noch nicht entdeckt, außer ein paar Brunnen. Kinder spielen ja gern mit Wasser, aber da muss man natürlich auch wieder aufpassen, dass da nichts passiert».
Ein
39 jähriger Vater aus der Nähe von Erfurt:«Ich frage mich immer, warum Linksabbieger fahren dürfen, obwohl die Fußgängerampel grün ist. Das ist so gefährlich. Ich habe schon oft beobachtet, dass die Kinder bei grün losrennen, aber von links auch ein Auto kommt. Und die Spielplatzsituation in der Innenstadt ist einfach schlecht. Die wenigen, die es gibt, sind von irgendwelchen Chaoten belagert. Holzgeräte sind teilweise angezündet und der Sandkasten wird als Hundeklo missbraucht. Wenn dann mal ein neuer Kinderspielplatz gebaut werden soll, beschweren sich gleich die Nachbarn, weil Kinder ja auch mal etwas lauter werden können. Das Beste ist, man baut sich seinen eigenen Spielplatz in den Garten.»
Renate
Trackl (49), Hausfrau und Tagesmutter:«Ich wohne in der Innenstadt und merke jeden Tag: Es gibt zu wenig Spielplätze. Der Spielplatz hier hinter der Krämerbrücke ist um 16:00 Uhr immer völlig überfüllt. Aber die Stadt hat scheinbar zu wenig Geld. Aber wohin soll man auch neue Spielplätze bauen, wenn alles von Häusern zugebaut wird. Und auf brachliegenden Flächen baut die Stadt ja lieber ein neues Einkaufszentrum anstatt Plätze für die Kinder einzurichten. Außerdem ist das Fahrradfahren mit Kind in der Innenstadt ein wahres Abenteuer. Man kommt nur in Etappen voran, weil immer irgendwas im Weg steht, und als Fußgänger muss man ständig auf die Straße laufen um den ganzen Stühlen der Gastronomie auszuweichen. Das ist vor allem für kleine Kinder sehr gefährlich.»
Annelise
Leyh (56), Kindergärtnerin im evangelischen Kindergarten
"Pergamenta":«Wir sind mit den Kindern oft unterwegs. Die Kinderspielplätze in der Innenstadt sind oft sehr voll, aber vor allem der hinter der Krämerbrücke ist sauber, da gehen wir gerne hin. Besonders phantasievoll ist der Spielplatz zwar nicht, aber dafür können sich die Kleinen austoben. Es wäre auch schön, wenn mehr Bänke in der Stadt aufgestellt würden, da könnten sich die Eltern mal hinsetzten und ins Gespräch kommen. Manchmal denk ich mir, sollen die Politiker mal selbst mit ihren Kindern los, dann wüssten sie, wo es fehlt.»
Isabel
Spindler (33), Mutter und Hausfrau:«Ich gehe am liebsten auf die Spielplätze außerhalb der Stadt. Die sind am saubersten. In der Stadt sind die Spielplätze so voll, da hat man überhaupt keine Ruhe und fühlt sich von den anderen Müttern ständig beobachtet. Außerdem finde ich manche Spielgeräte zu hoch. Da hab ich Angst, dass mein Kind runter fällt.»
Matthias Belke Zeng, Fraktionsgeschäftsführer und Mitglied des Jugendhilfeausschusses der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in Erfurt erklärt uns bei unserem Gespräch über Erfurt als kinder- und familienfreundliche Stadt: »Am 9. Mai haben wir im Stadtrat unseren Antrag für das Spielraumverbundkonzept eingebracht. Im November sollten eigentlich die Gespräche darüber wieder aufgenommen werden. Weil wir aber auch keinen solchen Schnellschuss haben möchten, ist die Vorlage des Zwischenbescheids aufs nächste Jahr verlegt worden. Das zeigt uns, was für ein komplexes Thema wir damit angesprochen haben. Wichtig ist für unser Konzept, dass eine Entwicklung und Möglichkeiten der Spielraumgestaltung aufgezeigt werden. Da sind verschiedene Varianten absehbar. Aber natürlich spielt dabei, wie bei so vielem, der Kostenfaktor eine wichtige Rolle.«
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