Beschneidung - kleiner Schnitt mit großer Wirkung
Frage der Ästhetik…? Ärztliche Verordnung…? Forderung der Religion…? Vereinfachung der Hygiene...? Oder reine Entscheidung zur Prophylaxe…?
An sich gehört die Beschneidung als Thema gesehen nicht zu den Tabus unserer Gesellschaft. Dennoch sind die Hintergründe, die Möglichkeit zur Vorbeugung und Vielfältigkeit der Gründe für einen solchen Eingriff nicht gerade die Dinge, über die man redet… Tatsächlich könnten mit entsprechender Aufklärung die meisten Eingriffe, die durch eine Vorhautverengung, eine sogenannte Phimose entstehen, vermieden werden…

Doch neben den medizinischen Indikationen werden häufig auch religiöse, rituelle, kosmetische, hygienische oder ästhetische Argumente angeführt. Eine interessante Ansicht, zu der ein junger Mann kam, der selbst vor 32 Jahren beschnitten wurde, um sowohl einem ästhetischen Bild zu entsprechen als auch aus hygienischen Gründen, gibt letztlich weiteren Grund zur Diskussion. In einem persönlichen Gespräch mit der "KIDS und Co" Redaktion meinte Christoph W.: »Die Vorhaut hat heutzutage keine Funktion mehr, und wenn sich Leute fragen, dass das doch nicht sein kann, sich beschneiden zu lassen: Dann bedenken Sie doch einmal, was Sie mit Weisheitszähnen machen - ziehen; entzündete Mandeln - entfernen; Blinddarmentzündung - den Wurmfortsatz entfernen.... Das stellt dann komischerweise Weise keiner in Frage!«
Zu den vielfältigen Gründen, möglichen positiven "Nebenwirkungen" eine Beschneidung und zur Vorsorge für Eltern ihr Kind vor einer Phimose zu schützen, gehen wir mit dem Experten und Chefarzt für Urologie und Kinderurologie, Dr. Josef Schweiger, ins Gespräch:
Herr Dr. Schweiger, welche Gründe gibt es
für eine Beschneidung?
»Beschneidung oder Zirkumzision bezeichnet
einen Eingriff an den menschlichen Genitalien. Bei Jungen oder
Männern - von der schrecklichen Beschneidung von Mädchen
soll hier nicht die Rede sein - ist damit die anteilige oder
vollständige Entfernung der Vorhaut gemeint. Die Gründe
für eine Beschneidung reichen von der medizinischen Indikation
über hygienische, kosmetische und ästhetische Aspekte bis
zu religiösen Motiven. In Deutschland steht die medizinische
Indikation ganz im Vordergrund. Operiert werden muss nur bei einer
echten Vorhautverengung, der sogenannten Phimose. Eine eindeutige
Diagnose kann erst nach dem ersten Lebensjahr gestellt werden, denn
Verklebungen der Vorhaut sind im Säuglingsalter die Regel. Nur
bei etwa 4% der männlichen Säuglinge ist das
Zurückschieben der Vorhaut möglich. Wir Ärzte
sprechen dann von physiologischen Verklebungen, die die sensible
Eichel des Säuglings schützen. Im Kleinkindesalter wird
die Vorhaut dann nach und nach zurückschiebbar. Wenn dies
nicht gelingt, sollten die Eltern ihren Jungen beim Arzt
vorstellen.«
Muss dann in jedem Fall operiert werden?
»Nein, keineswegs. Eine Beschneidung im
Kindesalter ist bis auf wenige Ausnahmen nur bei einer echten
Phimose notwendig. Die Übergänge von einer Verklebung der
Vorhaut zur Phimose sind manchmal fließend. Oft liegt nur
eine Vorhautverklebung vor, die mit sanften Therapieformen ohne
operativen Eingriff gelöst werden kann. Dies geschieht mit
Hilfe einer Anästhesiesalbe. Die Vorhaut sollte zu Hause dann
stets nach dem Baden, wenn die Haut weich und elastisch ist,
zurückgeschoben werden. Zur längerfristigen Behandlung
mit kortisonhaltigen oder hormonellen Salben rate ich wegen ihrer
körperbelastenden Nebenwirkungen ab.«
Wie viele Jungen
sind von einer Phimose betroffen?
»Die Zahl der Betroffenen sinkt mit zunehmendem Alter. Nach
den ersten Lebensjahren bleiben nur noch zirka fünf Prozent
der Jungen übrig, die von einer echten Phimose betroffen sind.
Bei ihnen kann die Vorhaut wider allen Bemühungen nicht
zurückgezogen werden und es liegt eine eindeutige medizinische
Indikation zur Beschneidung vor. Eine Vorhautverengung bereitet
ansonsten das ganze Leben lang Probleme bei der Hygiene der stets
bedeckten Eichel, beim Urinieren und bei der
Erektion.«
Also sind in
Deutschland nur fünf Prozent der Jungen und Männer
beschnitten?
»Nein, zu den auf Grund einer Phimose beschnittenen Kindern
kommen Jugendliche und Männer hinzu, die auf Grund anderer
medizinischer Indikationen, wie beispielsweise
chronisch-entzündlicher Erkrankungen der Vorhaut oder aus
religiösen oder ästhetischen Gründen beschnitten
werden. In Kombination mit Risikofaktoren, wie z. B. einer
Fehlbildung der Harnwege, kann eine Beschneidung die
Wahrscheinlichkeit von Harnwegsinfektionen reduzieren. Dies
wäre auch eine der wenigen Ausnahmen, die für eine
Beschneidung im Säuglingsalter sprechen. Mehr als 15 Prozent
macht der Anteil der Beschnittenen insgesamt in Deutschland jedoch
nicht aus. In den USA spielt das Thema Beschneidung eine wesentlich
größere Rolle. Hier liegt der Anteil der im Kindesalter
beschnittenen Jungen bei durchschnittlich 55 Prozent mit fallender
Tendenz. Man will damit die Voraussetzungen für eine bessere
Hygiene schaffen und Erkrankungen vorbeugen.«
Sind beschnittene Jungen ihren unbeschnittenen
Geschlechtsgenossen gegenüber im Nachteil?
»Abgesehen davon, dass sie eine kleine Operation über
sich ergehen lassen müssen, befinden sich die beschnittenen
Jungen keinesfalls im Nachteil. Im Gegenteil: - Beschneidungen sind
durchaus sinnvoll, z. B.
beim Viren- und Aidsschutz. Unter der Vorhaut können sich
leicht Bakterien und Viren sammeln, die bei fehlender Hygiene zu
Infektionen führen. Betroffen davon sind später nicht nur
die Männer, sondern auch ihre Partnerinnen. Ein
unbeschnittener Penis überträgt leichter Viren als ein
beschnittener. Beschneidungen verringern auch deutlich die Gefahr,
an Peniskrebs zu erkranken und bei Frauen sinkt parallel dazu die
Wahrscheinlichkeit einer Gebärmutterhalserkrankung.
Internationale Studien haben zudem gezeigt, dass bei beschnittenen
Männern die Ansteckungsrate mit HI-Viren sinkt. Für
manche Männer hat die Beschneidung auch noch einen angenehmen
Nebeneffekt und sie entschließen sich aus Gründen der
persönlichen Ästhetik und des eigenen
Körpergefühls zur Zirkumzision. Den als Kind
Beschnittenen fehlt jedoch diese Möglichkeit der bewussten und
freien Entscheidung über das eigene Körperbild. Deshalb
sollte der Entschluss zur Beschneidung des Kindes nicht
leichtfertig und nicht ohne fundierte medizinische Beratung
fallen.«
Sie sagten uns, der richtige Zeitpunkt für
eine Beschneidung sei wichtig?
»Ja, es ist vor allem auch im Gespräch mit den Eltern
wichtig, sich über den richtigen Zeitpunkt für eine
Beschneidung zu unterhalten. Dieser Zeitpunkt war schon immer
umstritten. Früher gab man eine Empfehlung, mit der
Beschneidung bis zur Hochzeit zu warten. Ein interessantes
Geschichtsbeispiel bietet König Ludwig XVI. von Frankreich. Er
litt an einer hochgradigen Phimose, die ihn zeugungsunfähig
machte. Seine Angst vor einem Eingriff ließ ihn jedoch bis
sieben Jahre nach seiner Hochzeit mit Marie Antoinette damit
warten. Erst im dritten Jahr seiner Thronbesteigung war der Druck
zur Zeugung eines Nachfolgers so groß geworden, dass er die
Beschneidung wagte. Heute wird die Meinung vertreten, dass die
Zirkumzision im Kleinkindesalter, also ab dem zweiten Lebensjahr,
durchgeführt werden sollte. Ganz so einfach ist es aber
wiederum nicht, denn laut Kinderpsychologen und basierend auf einer
Theorie von Siegmund Freud gibt es bei Jungen im Alter zwischen
vier und fünf Jahren eine so genannte phallische Phase, eine
Entwicklung der Fixierung auf das Geschlechtsorgan, in der ein
operativer Eingriff Kastrationsängste auslösen kann.
Dieses Alter sollte man für die Beschneidung aussparen.
Übrig bleibt also nur ein Zeitfenster für das genannte
zweite und dritte Lebensjahr und dann wieder für das sechste
und siebente - möglichst vor der Einschulung.«
Was geschieht bei der OP? Welche
Operationsmöglichkeiten gibt es?
»Die Zirkumzision ist ein kleiner operativer Eingriff, der
ambulant und bei Kindern grundsätzlich unter Narkose
durchgeführt wird. Die Eltern können wählen zwischen
einer radikalen, vollständigen Beschneidung, so wie sie
üblich ist bei Juden und Muslimen, und einer anteiligen
Beschneidung, bei der nur die Verengung beseitigt wird und ein Teil
der Vorhaut erhalten bleibt. Die letztere Variante wird von den
Eltern bevorzugt wahrgenommen, da man bei dieser Operationstechnik
nicht gleich sieht, dass der Junge beschnitten ist. Ich weise
allerdings darauf hin, dass es später erneut zu Verklebungen,
auch zu Vernarbungen kommen kann, die eine wiederholte Behandlung
erfordern. Die Beschneidung dauert unabhängig von der
gewählten Operationstechnik zirka 30 Minuten. Die Wunde heilt
erfahrungsgemäss in zehn bis 14 Tagen. Nach zwei bis drei
Monaten sollten dann keine Beschwerden mehr bestehen.«
Was können Eltern und Kinder selbst zur
Gesunderhaltung der Genitalien und zur Vorbeugung von Krankheiten
beitragen? Kann man aktiv etwas tun?
»Generell ist eine vernünftige Hygiene die Voraussetzung
für einen gesunden Körper. Für den Genitalbereich
trifft das in ganz besonderem Maße zu. Die Talgdrüsen am
Penis produzieren ein weißliches Sekret, das sogenannte
Smegma. Dieses Sekret muss täglich entfernt werden. Ein
Verbleiben des Smegma am Penis unter der Vorhaut führt zu
Entzündungen. Jungen sollten frühzeitig zu einer
gründlichen Genitalhygiene angeleitet werden. Das
Zurückschieben der Vorhaut und Säubern der Eichel muss zu
einer Selbstverständlichkeit werden. Im späteren
Lebensalter profitieren davon nicht nur der Mann, sondern auch
seine Partnerin.«
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