KIDS und Co im Gespräch mit Angela Merkel
Antje Tillmann für "KIDS und Co" im exklusiven
Gespräch mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zur aktuellen
Familienpolitik.
Die Familie steht heute in Konkurrenz zu
anderen Lebensentwürfen, die attraktive Freiräume
für Beruf und Freizeit bieten und oft auch materiell
wesentlich interessanter sind. Die Vereinbarkeit von Beruf und
Familie wird von den meisten jungen Eltern gewünscht. Ist
angesichts dieser veränderten Lebensplanung die Familie ein
"Auslaufmodell"?
Nein. Im Gegenteil: Eine der
zentralen Aussagen der letzten Shell-Jugendstudie ist es, dass sich
die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland wünschen,
später mal eine Familie zu gründen. Aber sie wissen auch
ganz genau, dass es oft schwierig ist, Ausbildung, Beruf, Karriere,
Partnerschaft und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen.
Deswegen arbeiten wir ja gemeinsam mit den Ländern daran, die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern.
Die
meisten Berufstätigen sehen in einem attraktiven Angebot
für die Kinderbetreuung die entscheidende Voraussetzung
für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was können
Politik und Gesellschaft zu einer besseren Betreuungssituation
beitragen?
Es ist ein großer politischer Erfolg, dass Bund, Länder
und Kommunen sich darauf einigen konnten, bis 2013 für rund
ein Drittel der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze zur
Verfügung zu stellen. Deutschland schafft damit den Anschluss
an die familienpolitisch erfolgreichen Länder in Nord- und
Westeuropa. Das sind entscheidende Schritte für die frühe
Förderung von Kindern und eine bessere Vereinbarkeit von
Familie und Beruf. Mit dem Elterngeld und der Absetzbarkeit von
Betreuungskosten haben wie für Eltern auch mehr finanziellen
Spielraum geschaffen. Die Kinderbetreuungsbörsen als
spezielles Angebot für Kommunen machen es wiederum leichter,
freie Betreuungsplätze zu finden.
Foto: 20. Parteitag, Dresden: Parteivorsitzende Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (Foto: CDU)
Die Alterstruktur in Deutschland verändert
sich. Berufliche Mobilität ist sehr oft unvereinbar mit dem
Wunsch nach Fürsorge innerhalb der Familie. Gegenwärtig
entstehen im gesamten Bundesgebiet Mehrgenerationenhäuser. Wo
sehen Sie das Erfolgspotential eines solchen Modells?
Der Generationenzusammenhalt in den Familien ist grundsätzlich
gut. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert eine
Verpflichtung zur Generationensolidarität in beide Richtungen
- der jüngeren gegenüber der älteren Generation, der
älteren gegenüber ihren Kindern. Gleichwohl brauchen wir
neue Wege, um eine zeitgemäße Antwort auf die
Auswirkungen des demografischen Wandels zu geben, die in
Deutschland heute bereits spürbar sind. Es gibt zunehmend
ältere Menschen, die nur wenig Gelegenheit haben, in Kontakt
mit Jüngeren zu treten. Mehrgenerationenhäuser bieten die
Möglichkeit, diesen Kontakt herzustellen und wichtige
Erfahrungen zu machen, die sonst nicht zu machen wären. Der
Erfolg der Mehrgenerationenhäuser spricht für sich.
Alleinerziehende Mütter und Väter
stellen sich der Kindeserziehung unter besonderen Schwierigkeiten.
Wie kann speziell diesen Familien geholfen werden?
Für Alleinerziehende ist der Ausbau der Kinderbetreuung
besonders wichtig. Im ersten Lebensjahr des Kindes ist das
Elterngeld, dann die steuerliche Begünstigung von
Kinderbetreuungskosten sehr hilfreich. Der Kinderzuschlag als
Kombination von Erwerbseinkommen und Förderleistung für
Familien mit kleinem Geldbeutel ist ein weiterer Baustein. Der
Blick zum Beispiel nach Skandinavien lehrt uns: Kinderarmut ist
dort gering, wo Gesellschaft, Politik und Wirtschaft konsequent
Bildung von Anfang an für alle Kinder ermöglichen und
ihren Eltern ein Perspektive auf ein selbstständiges Einkommen
geben - durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Beim Rechtsanspruch auf einen Kinderkrippenplatz
ab 2013 sind Sie dem Streit, auch innerhalb der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion, nicht aus dem Wege gegangen. War es
eine "Herzensangelegenheit" für Sie?
Über die Notwendigkeit des Ausbaus der Kinderbetreuung gibt es
in der Union überhaupt keinen Streit. Unser gemeinsames Ziel
ist es, jedem Einzelnen ein Höchstmaß an individueller
Entfaltungsmöglichkeit zu geben. Ich war ja von 1990 bis 1994
Frauen- und Jugendministerin und habe die Diskussionen auch
zwischen Ost und West bei der Einführung des Rechtsanspruchs
auf einen Kindergartenplatz ab dem dritten Lebensjahr haunah
miterlebt. Heute sind wir da wirklich weiter. Das "Ob" steht
nicht in Frage, allenfalls gibt es Nuancen beim "Wie".
Für mich ist wichtig: Kinder brauchen glückliche Eltern,
und die Eltern sind am glücklichsten, wenn sie das tun
können, was sie für sich für richtig halten.
Es wird darüber diskutiert, das Kindergeld
für Gutverdienende zu streichen, um einkommensschwache
Familien zusätzlich zu fördern? Halten Sie diesen Ansatz
für sinnvoll?
Nein. Eine Streichung entspricht im übrigen auch nicht der
Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, an die die Politik
gebunden ist: Das Existenzminimum des Kindes muss steuerfrei
gestellt werden. Wer nicht genug verdient, um diesen
Steuerfreibetrag voll geltend zu machen, bekommt Kindergeld.
Letzteres ist die ganz überwiegende Zahl der Eltern mit
unteren und mittleren Einkommen, nicht die sehr gut Verdienenden.
Bei der Höhe des Kindergeldes haben wir allerdings einen
gewissen Gestaltungsspielraum. So erhalten beispielsweise Eltern
für vierte und weitere Kinder ein höheres Kindergeld als
für die ersten drei Kinder.
Die Fälle von Kindesmisshandlung und
-verwahrlosung scheinen zuzunehmen. Glauben Sie, dass
flächendeckende Vorsorgeuntersuchungen ein Weg sind, Kinder
besser zu schützen?
Vorsorgeuntersuchungen sind ohne Zweifel ein ganz wichtiger
Baustein in der Früherkennung von Risiken. Nicht zuletzt
deshalb haben wir gemeinsam mit den Bundesländern ein
verbindliches Einladungswesen vereinbart und wir werden die
Einführung einer zusätzlichen Vorsorgeuntersuchung
zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr prüfen.
Darüber hinaus brauchen wir jedoch unbedingt eine enge
Vernetzung aller Beteiligten. Hebammen, Kinderärzte,
Jugendämter und Polizei müssen miteinander verzahnt
werden, damit Gefährdungspotenziale frühzeitig erkannt
werden. In den letzten Monaten ist hier von Bund und Ländern
vieles angestoßen und bewegt worden. Dabei hilft auch das
Nationale Zentrum frühe Hilfen. Mir kommt es aber vor allem
auch darauf an, dass wir eine neue Kultur des Hinsehens entwickeln.
Familie und Nachbarn und alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu
tun haben, müssen hinsehen und Hilfe anbieten, wenn sich
Probleme abzeichnen. In diesem Nahbereich sind Probleme im
Regelfall zu aller erst erkennbar, noch ehe sie zu einer
Katastrophe werden.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann nicht
nur Sache der Politik sein. Welche Beiträge würden Sie
sich zum Beispiel von der Wirtschaft wünschen?
Um Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, brauchen junge
Menschen eine familienfreundliche Arbeitswelt. Hier ist die
Wirtschaft gefordert, und viele Unternehmen haben auch bereits
erkannt, dass sich eine familienbewusste Personalpolitik auch
betriebswirtschaftlich lohnt.
Wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert wird,
flexible Arbeitszeitmodelle und Betreuungsmöglichkeiten
geboten werden, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
zufriedener und motivierter. Gerade in Zeiten des
Fachkräftemangels müssen sich auch die Arbeitgeber
darüber im Klaren sein, dass familienfreundliche
Arbeitsbedingungen eine wichtige Voraussetzung sind, um attraktiv
für junge Mütter und Väter zu bleiben.
Mit dem Unternehmensprogramm "Erfolgsfaktor Familie" will die
Bundesregierung Unternehmen bei der Umsetzung familienfreundlicher
Arbeitsbedingungen unterstützen. Darüber hinaus wird seit
Anfang dieses Jahres der Aufbau betrieblicher Betreuungsplätze
insbesondere in kleinen und mittelständischen Unternehmen
finanziell gefördert.
Frau Bundeskanzlerin, wir danken Ihnen für dieses
Gespräch.





