Auf der Suche nach einer guten Schule, die das Kind annimmt
Annicas Beispiel soll Eltern und Lehrern Mut bei der professionellen Zusammenarbeit machen
Annica ist ein Mädchen, das seiner Umwelt gegenüber
vertrauensvoll zugewandt ist und rasch Sympathien gewinnt. Sie
wählt sich eine "Arbeit". Wortlos fährt sie mit dem
Zeigefinger ihrer rechten und dann der linken Hand die
Sandpapierbuchstaben nach und beobachtet aus dem Augenwinkel, ob
die Erwachsenen ihre Arbeit endlich gebührend loben.
Annicas Eltern kommen schnell auf den Punkt: Sie brauchen
professionelle pädagogische Beratung und Hilfe, um für
ihre Tochter, die bereits ein Jahr vom Schulbesuch
zurückgestellt wurde, eine integrative Beschulung zu
ermöglichen. "Wir haben inzwischen gelernt, zu kämpfen.
Zuerst darum, unser Kind so annehmen zu können, wie es ist.
Dann darum, dass die anderen Menschen in unserem Umfeld es auch
tun." sagt die Mutter. "Schließlich haben wir
gelernt", ergänzt der Vater, " dass wir als Eltern gute
Fähigkeiten entwickelt haben, unser Kind und seine
Bedürfnisse zu verstehen. Wir möchten deshalb nicht mit
allgemeinen Ratschlägen zugeschüttet, sondern als Partner
angesehen werden. Die professionelle Hilfe soll unsere Fragen im
Blick behalten und in den Phasen erreichbar sein, in denen wir als
Eltern allein nicht weiter kommen."
Von da an lief alles anders
Annica ist das erste Kind ihrer Eltern. Sie war nicht geplant,
aber hochwillkommen. Die Mutter konnte bis kurz vor der Geburt
ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Alles verlief so
normal. Auch die Geburt war komplikationslos. Aber dann der Schock.
Noch im Kreißsaal erfuhren die Eltern, dass ihr Kind ein
Down-Syndrom habe. Sie haben es gehört, aber sie konnten es
noch gar nicht verstehen. Die genetische Untersuchung
bestätigte den Verdacht nach einer Woche.
Von da an verlief alles anders. Die Eltern hatten sich damit
abzufinden, dass ihr Kind nicht das Kind war, das sie erwartet
hatten. Aber Annica ließ ihnen kaum Zeit zum Trauern. Sie war
sehr schwach und gedieh nicht gut, sie hatte einen Herzfehler. Ob
es um das sehr erschwerte Stillen, die elterliche Begleitung bei
den erforderlichen Operationen oder die Durchführung von
Therapien ging, die Eltern mussten immer sehr kämpfen, um ihre
Auffassungen von Beziehungsgestaltung zu einem Baby oder Kleinkind,
ihre Erwartungen von individueller Förderung nicht völlig
der Krankenpflege oder einem therapeutischen Ideal opfern zu
müssen.
Und dann waren da die Prognosen über Annicas begrenzte
Entwicklungsmöglichkeiten, teilweise von Fachleuten vorschnell
geäußert, gegen die sich die Eltern innerlich wehren
mussten, um ihre Hoffnung und die Kraft für den Alltag nicht
zu verlieren. Und immer wieder die Trauer...
Nach der letzten OP gab es einen Entwicklungsschub. Mit drei Jahren
die ersten freien Schritte und bald danach die Aufnahme in einen
integrativen Kindergarten. Und zusätzlich von der
Physiotherapie über das Babyturnen, über die
Logopädie bis zur Ergotherapie. Die Eltern stellten ihre
beruflichen Ziele in den Hintergrund und trieben jeden Aufwand, um
Annica die bestmögliche Förderung zu bieten. Annica
dankte es ihnen mit ihrer lustigen und liebevoll unbekümmerten
Wesensart. Sie war längst ihr Wunschkind geworden und die
Trauer war dem Vertrauen in Annicas Entwicklungschancen
gewichen.
Dann kam die Schulpflicht näher. Die Empfehlung ließ
keinen Zweifel zu: Für Annica kommt nur eine Förderschule
in Frage. Welche, das sollte eine Begutachtung klären, bei der
Annicas Fähigkeiten, um die sich die Eltern so viele Jahre
gemüht, über die sie sich so gefreut hatten, kaum eine
Rolle spielten. Viel wichtiger für die Entscheidung, wo Annica
eingeschult werden soll, schienen jetzt die Defizite des Kindes zu
sein, die in zwei Untersuchungsterminen festgestellt wurden.
Die Eltern wollten, dass Annica so normal wie möglich lebt und
lernt und sie begannen, sich eigenständig zu informieren. Dann
äußerten sie den Wunsch, dass Annica mit Kindern aus
ihrem Kindergarten in einer normalen Grundschule lernen und spielen
sollte.
Mit Zurückstellung Integration verzögert
Auf diesen
Wunsch der Eltern hin, vertröstete man sie zunächst und
es wurde die Möglichkeit der Zurückstellung vom
Schulbesuch angesprochen. Die Eltern ergriffen diesen
"Strohhalm", da sie sich außerstande sahen, die
notwendigen Informationen und Hilfen für eine Alternative zur
Einschulung ihrer Tochter in eine Förderschule schnell zu
erhalten.
Als sie nach fast einem Jahr der Zurückstellung erneut ihren
Wunsch nach integrativer Beschulung für Annica
bekräftigten, wurden sie etwas barsch mit den Worten
abgefertigt, dass dies nicht gehe, weil eine normale Grundschule
die Voraussetzungen personeller, materieller und räumlicher
Art nicht habe, um ein Kind wie Annica gut zu fördern.
Außerdem würde das Kind die Voraussetzungen immer noch
nicht erfüllen, das Leistungs- und Tagespensum eines
Grundschulunterrichtstages zu bewältigen.
Das sahen die Eltern anders. Sie wendeten sich mit der Bitte um
Begleitung an das Institut für pädagogische Diagnostik in
Erfurt.
Schulische Integration gibt es in Thüringen seit 1994. Nach
dem neuen Thüringer Schulgesetz ist in Thüringen
schulische Integration grundsätzlich für alle Kinder
möglich. Allerdings liegt der Anteil der Schülerinnen und
Schüler, die in Thüringen integrativ beschult werden,
derzeit erst bei 0,9 %. Das ist sehr wenig.
Die Zurückhaltung im Bezug auf schulische Integration hat
viele Ursachen. Eine Ursache liegt in einem tradierten Lernmodell,
welches davon ausgeht, dass gutes Lernen nur mit gleichen Methoden,
gleichen Zielen und mit Schülern funktioniere, die über
gleiche Lernvoraussetzungen verfügen. Die Auslese bildet den
Kern dieses Lernmodells. Dass dieses Lernmodell keine optimalen
Ergebnisse bringt, haben beide PISA-Studien sehr dramatisch
belegt.
Die Abkehr vom Auslese-Modell
Ein weiterer Grund ergibt sich aus der Unterrichtsorganisation.
Die traditionellen jahrgangs-, bildungsgang-, und defizitbezogenen
Organisationsmerkmale sind, wenn eine Schule sich entscheidet,
schulische Integration zu realisieren, nur sehr begrenzt geeignet.
Dass eine Schule sich nicht auf Normen und Kategorien sondern auf
die pädagogischen Bedürfnisse und auf Verstehensprozesse
bei jedem Kind ausrichten will, muss sich bereits bei der Planung
schulischer Integration niederschlagen.
Und nicht zuletzt fühlen sich viele Lehrer damit
überfordert, sich auf die Bedürfnisse eines Kindes in
besonderer Weise einstellen zu müssen, weil sie sich dazu
nicht ausgebildet sehen und sich in speziellen Fortbildungen
lernförderdiagnostische Kompetenzen aneignen müssen.
Und dabei ist schulische Integration ein Prozess, in dessen Verlauf
alle Beteiligten nur gewinnen können.
Am Institut für pädagogische Diagnostik wurde mit Annica
eine lernfördernde Diagnostik durchgeführt, bei der es
primär um ihre Lernentwicklungspotentiale ging und um die
Bedingungen, unter denen Annica diese Potentiale am besten
entfalten kann. Anschließend konnten die Eltern in ihrem
Wohnort mit der zuständigen Grundschule in Kontakt treten und
anhand der konkreten Bedürfnisse des Kindes erfragen, ob und
wie die Schule bereit und in der Lage ist, darauf einzugehen. Die
zuständige Grundschule wehrte mit dem Argument ab, dass es
nicht nur von den schulischen Bedingungen her nicht möglich
sei, Annica zu integrieren, es gäbe auch Widerstand bei
Eltern, denen es als Nachteil für ihr Kind erscheine, wenn ein
Kind mit einer Behinderung in der Klasse ihres Kindes integriert
wird. Die Eltern gaben nicht auf und fragten in der zweiten
Grundschule des Wohnortes nach.
Auch dort war man eher unsicher mit der Aufnahme eines Down-Kindes,
aber man kannte sich bereits aus mit differenzierten Lernformen und
Jahrgangsmischung. Dort war man bereit, die Integration des
Mädchens nicht von optimalen Bedingungen abhängig zu
machen und begann, mit Annica und den Eltern gemeinsam die
Lernbedingungen so zu organisieren, dass auch Annica ihren
Voraussetzungen entsprechend gefördert werden konnte.
Unterstützung für das Lehrerkollegium wurde durch
begleitende Fortbildung am Institut für pädagogische
Diagnostik in Aussicht gestellt. Das war im Juli des vergangenen
Jahres.
Inzwischen hat Annica das erste Schulbesuchsjahr an "ihrer
Schule" fast absolviert. Sie hat sich nicht ganz leicht an den
schulischen Rhythmus gewöhnt und erst im Dezember begonnen, am
Morgen ihren Schulranzen allein auszupacken. Sie weiß jetzt,
dass sie Schulkind ist. Überflüssige Hilfe lehnt sie
vehement ab und ist insgesamt selbständiger geworden. Sie
kennt alle Buchstaben und beginnt, sie in geschriebenen Worten zu
benennen.
Regeln und Pflichten werden eingehalten
Im Bezug auf das schulische Lernen ist ihre Tagesform wichtig.
Es gibt Tage, da lässt sie sich gut einbinden und zeigt, was
sie alles bereits kann. Aber es gibt auch Tage, da will sie ihre
Ruhe haben und lässt sich nur schwer zur Arbeit anregen. Die
meisten Kinder in ihrer Klasse gehen inzwischen völlig
unbefangen mit ihr um und haben gelernt, dass es neben der eigenen
noch ganz viele Arten gibt zu lernen. Am Anfang des Schuljahres war
Annica für die Kinder das behinderte Mädchen. Jetzt ist
sie für alle Kinder ihrer Klasse Annica. Einmal ist Annica von
einem Toilettenbesuch nicht zurückgekehrt und ausgerissen. Da
gab es große Aufregung. Inzwischen sei die Situation
überschaubar und Annica hat begriffen, dass es auch für
sie Regeln und Pflichten gibt.
Die zuständigen Lehrerinnen der Klasse haben ein anstrengendes
Schuljahr hinter sich. Sie haben in ihrem schulischen Alltag und in
den begleitenden Fortbildungen viel über
Lernförderdiagnostik im Unterricht, über individuelle
Förderplanung und innere Differenzierung dazugelernt. Sie
sagen, dass sie durch die Integration von Annica ihre
Unterrichtsorganisation so flexibilisieren mussten, dass alle
Kinder der Klasse davon profitiert haben. Aber es gibt auch noch
offene Fragen. So reichen die zur Verfügung gestellten
Lehrerstunden nicht aus, um die nötige Mehrarbeit zu
bewältigen. Außerdem muss für die innere
Differenzierung genügend Lernmaterial zur Verfügung
stehen. Das kann nicht alles selbst angefertigt werden und es ist
teuer.
Noch fehlt dem Kind eine beste Freundin
Der Wunsch nach einer Schule für alle, die auch eine Schule
für Annica sein kann, hat sich für Eltern und Kind
erfüllt, obwohl es manchmal Probleme gibt und sich z.B. die
Hoffnung, dass Annica in ihrer Klasse eine Freundin findet, noch
nicht bestätigt hat. Unklar ist auch noch, ob es nach der
Grundschulzeit die Chance auf weitere schulische Integration gibt.
Annicas Eltern sind zufrieden und sie sind sicher, dass es einen
Weg geben wird, die schulische Integration ihrer Tochter
fortzusetzen, wenn es soweit ist.
Festzustellen ist:
Schulische Integration ist kein Heilmittel. Sie hebt die
Abhängigkeit der Schule von gesellschaftlichen Normen nicht
auf, noch will sie Unterschiede beseitigen. Schulische Integration
trägt jedoch dazu bei, Anderssein und Unterschiede zu
akzeptieren.
Die Möglichkeit, Schule integrationsfähiger zu machen
hängt primär von der Einstellung und der Bereitschaft der
beteiligten Entscheidungsträger und zusätzlich von der
Fähigkeit der Lehrer/innen ab, die individuellen
Verstehensprozesse und Bedürfnisse eines jeden Schülers
zu akzeptieren zu erkennen und den Unterricht und die
Leistungsbewertung angemessen zu differenzieren.
Das braucht innerhalb der Schule aber auch im gesellschaftlichen
Umfeld eine unterstützende Umgebung, Veränderungen in der
Politik, in den organisatorischen Schulstrukturen, bei der
Befähigung zu einer lernfördernden Diagnostik und in der
Lehreraus- und Fortbildung.
Bis in Thüringen die gesetzlichen Möglichkeiten
ausgeschöpft und Kinder mit Behinderungen, deren Eltern es
wollen, gemeinsam mit den anderen Kindern lernen können, wird
das beispielgebende Engagement von Eltern und Lehrer/innen
erforderlich sein.
An Annicas Schule wird bereits in diesem Jahr ein weiteres Kind mit
einer Behinderung unter den Schulanfängern sein, weil sich die
Lehrer jetzt mehr zutrauen.





