Das kommt schon noch
Was sollen wir denn tun? In einem dreiviertel Jahr beginnt für unser Kind die Schule und wir haben das Gefühl, dass unsere Kinder mit ihrem jeweiligen "Startkapital" an Fähigkeiten bereits vor dem ersten Schultag im Minus stehen.
Wie und wann ist dem
Dilemma zwischen der Akzeptanz des Verschiedenseins in der
kindlichen Lernentwicklung und den normativen Erwartungen zum
Schulbeginn zu begegnen? Tatsächlich ist es so, dass
Grundschullehrer/innen immer häufiger darüber klagen,
dass Schulanfänger grundlegende Voraussetzungen für
schulisches Lernen nicht mitbringen. Nahezu jedes vierte Kind habe
Probleme mit dem Sprechen.
Bis jetzt waren die Eltern von Vanessa, Ruben, Lena und Paul damit
zufrieden, dass ihre Kinder im Kindergarten immer "schön
gespielt" hatten. Sie hatten darauf vertraut, dass ein guter
Kindergarten ihr Kind viel besser als Eltern das können, auf
die Schule vorbereiten würde. Aber was ist ein guter
Kindergarten?
Immerhin erfordert es viel Aufmerksamkeit von Eltern, wenn sie
herausfinden wollen, wie ihr Kind sich nach einem 8- bis
10-stündigen Kindergartentag fühlt, was es erlebt hat,
was es belastet. Nur im Idealfall können Eltern sich
darüber mit der Erzieherin täglich austauschen. Im
Normalfall nicht, weil das Kind am Vormittag von anderen
Erzieherinnen betreut wird als am Nachmittag.
Kinder verbringen ca. 4000 Stunden in ihrer wissbegierigsten Phase
im Kindergarten. Ungeachtet dessen berichten engagierte
Erzieherinnen, dass es genügend Eltern gibt, die sich kaum
dafür interessieren, was ihre Kinder den ganzen Tag über
im Kindergarten erleben, die jeden gut gemeinten Hinweis abwehren.
"Das kommt schon noch." Andere Eltern sind sofort alarmiert,
wenn das Nachbarskind besser spricht oder schöner malt als das
Eigene. Die Kinder spüren den Erwartungsdruck und leiden
darunter.
Eltern wiederum klagen darüber, dass sie mit Informationen aus
Ratgebern überschüttet werden und sie befürchten,
dass ihr Kind in eine Mühle von Korrekturmaßnahmen
geraten könnte, bei denen ein Heer von therapeutischen
Fachleuten bestimmt, was sinnvoll und normal ist. Auch diese
Befürchtung ist berechtigt. Ein Kind, das lispelt oder
stottert, muss unbedingt zum Logopäden, wer nicht gut bastelt
oder malt, wird zur Ergotherapie geschickt. Jedes Kind hat bis zu
seinem 9. Lebensjahr bereits mindestens eine Therapie absolviert,
obwohl aus medizinischer Sicht nur ca. 10% der Kinder
therapiebedürftig sind.
Manche Eltern sagen, sie befürchten ständig, etwas falsch
zu machen oder etwas zu versäumen.
Was ist normal?
Wie früh soll man mit der Förderung beginnen?
Wie sieht die optimale Förderung in der Familie und im
Kindergarten für mein Kind aus?
Wie viel Montessori ist im Montessori-Kindergarten wirklich
drin?
Was kann man von der Vorschulerziehung im Kindergarten erwarten und
was nicht?
Am Institut für pädagogische Diagnostik in Erfurt
beschäftigt man sich bereits seit Jahren mit kindlicher
Lernentwicklung. Die Vorbereitung und Gestaltung des Schulbeginns
ist dabei ein zentrales Thema. Es kommt nicht darauf an, ein Kind
an Normen zu messen, aber es kommt darauf an, jedes Kind von Anfang
an zur richtigen Zeit und in der richtigen Art anzuregen. Das ist
so wichtig, weil sich die Gehirnstrukturen eines Kindes
erfahrungsabhängig herausbilden.
Zwar lernen Kinder das Sprechen bemerkenswert
gesetzmäßig, aber Sprachkompetenz entsteht leider nicht,
weil man ein Sprachzentrum hat, sondern wenn man zum Sprechen
angeregt wird und wenn man spricht. Statt ihrem Kind vorzulesen,
legen viel zu viele Eltern eine CD ein und glauben damit, die
Sprachentwicklung ihres Kindes anzuregen. Deshalb werden am IpD
Eltern am Beispiel ihres eigenen Kindes in ihrer Fähigkeit
gestärkt, kindliche Lernentwicklung zu verstehen und geeignet
zu fördern. Viele Eltern haben es völlig verlernt, mit
ihren Kindern zu spielen oder sie geduldig in die häuslichen
Abläufe einzubeziehen. Das Aufstellen klarer Regeln und das
Übertragen von Pflichten an die Kleinen gehören ebenso
dazu, wie die Kontrolle und das Aushalten von
Widerständen.
Frühe und
gezielte Förderung halten wir für sehr wichtig,
Aktionismus für gefährlich. Da, wo es nötig ist,
bieten wir für das Kind auch therapeutische
lernentwicklungsfördernde Maßnahmen an, bei denen die
Eltern jedoch immer einbezogen sind. Wir zeigen Eltern, wie sie
erkennen können, was gut ist für ihr Kind und wir
stärken sie, ihrer Intuition zu trauen. Das betrifft den
Übergang vom Kindergarten in die Schule aber auch die Zeit
davor.
Wenn Risiken und Krisen in der Lernentwicklung nicht früh
bemerkt werden und wenn nicht angemessen darauf reagiert wird,
erhöhen sich die negativen Auswirkungen bei jedem
Übergang. Der Übergang vom Kindergarten zur Schule hat
deshalb eine ganz wichtige Funktion und er ist für sehr viele
Kinder miserabel organisiert.
Da wird noch viel zu oft die vorschulische Beschäftigung im
Kindergarten abgehandelt, wie eine Unterrichtseinheit und alle
müssen das Gleiche machen. Da werden in Elternabenden für
die Eltern zukünftiger ABC-Schützen immer noch gern
Fähigkeiten aufgezählt, über die ein Kind beim
Schulanfang verfügen sollte. Da ist die Rede von optischer und
akustischer Differenzierungsfähigkeit, da werden
Sprachkompetenzen aufgeführt und schließlich wird zu
Selbständigkeit, Leistungsbereitschaft und Sozialkompetenz
übergeleitet, auf die man mit dem Schulbeginn aufbauen
möchte. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit, die Schleife
zu binden und vor allen Dingen still sitzen und zuhören zu
können.
Solche Elternabende müssen bei Eltern der zukünftigen
Schulanfänger den Eindruck hinterlassen, als ob alle Kinder
mit dem Schulbeginn über einheitliche, grundschulbezogene
Kompetenzen zu verfügen hätten. Fähigkeiten eben,
die sie schulfähig machen.
Diese Beispiele machen deutlich, dass Kinder noch überwiegend
über Erwartungen und Normen, viel weniger über ihre
individuellen Potenziale gesehen werden. Dass Umwelt und Erfahrung
darüber entscheiden, wie sich das kindliche Gehirn
verschaltet, dass die Begabung eines Kindes sich unter
unterschiedlichen Bedingungen sehr unterschiedlich ausprägen
kann, wird bei dieser Art von Erwartungsdenken ebenso ausgeblendet
wie die Tatsache, dass Schulfähigkeit nicht vor dem
Schulbeginn entsteht, sondern sich erst durch die Erfahrungen eines
Kindes in der Schule entwickeln kann.
Weil die erwachsenen Bezugspersonen entscheiden, wie gut oder
schlecht ein Kind gefördert wird, hat am IpD der Austausch
zwischen Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen einen besonderen
Stellenwert. Die Eltern von Vanessa, Ruben, Lena und Paul
müssen nicht in Panik geraten. Sie wissen, nicht durch das
Abwarten, sondern durch das Verstehen und das Anregen kindlicher
Lernentwicklung können sie eine Menge tun, um den
Übergang vom Kindergarten zur Schule für ihre Kinder als
Chance zu gestalten
Dr.
Susanne Wiese
Institut für pädagogische Diagnostik
Tel.: 0361/6545565
Home: www.dr-wiese-ipd.de





