Kribbelbunt

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Von rohen Diamanten und Menschen die sie veredeln - das Kinderhaus Weimar

»Ich, Neptun, Herr der Meere, bin gekommen um heute und hier…,« spricht der Nachwuchs-Neptun im grünen Umhang mit tiefer Stimme und stößt seinen hölzernen Dreizack auf den Boden »…um Phillip zu taufen!« Suchend streift sein Blick durch die Kinderschar, die erwartungsvoll schweigt.

kinderhaus weimarSpannung liegt in der Luft, dann ein aufgeregtes Kreischen, als sich Neptuns Seepferdchen aus der Menge hervortun, den überraschten Jungen einfangen und auf den Thron setzen. Die Taufzeremonie beginnt: der elfjährige Phillip erhält eine "Rasur" mit Schlagsahne und Tortenheber und den "Trank der Weisheit", ein geheimnisvolles, grünes Gebräu, serviert in einem gelben Plastikbecher-Kelch, bevor Neptun erneut seine Stimme erhebt. »Ich taufe Dich auf den Namen "Phillip, die schnelle Sprotte"!« Der frisch Getaufte nimmt einen kräftigen Schluck, verzieht angewidert das Gesicht und wird abermals von den Seepferdchen gepackt, die ihn zum Abschluss der Taufe feierlich den Fluten - einem kleinen Wasserbecken auf der Wiese - mit einem lauten Platschen übergeben. Prustend, aber lachend krabbelt der nasse, blonde Junge aus dem Wasser, wischt sich die Tropfen von der Stirn und nimmt seine Taufurkunde entgegen - so sieht ein wahrer Held der Meere aus! Die Prozedur wiederholt sich noch einige Male, bis schließlich alle Taufurkunden vergeben, der Zauberkessel geleert und sämtliche Schlagsahne verbraucht ist.

Aus irdischen Kindern wie Dave, Alina, Jana, David, Andrea und Nina sind wundersame Meeresgeschöpfe wie "plattfüßiger Pinguin", "lachendes Seepferdchen", "glitschiger Tintenfisch", "kleiner Haifisch", "stolze Seegurke" und sogar ein "handybesessener Kugelfisch" geworden, die sich sogleich ihren nächsten sportlichen Herausforderungen stellen: Bei einer Wasserolympiade messen sich die Meeresneulinge beim Perlentauchen mit verbundenen Augen, im Algenweitwurf, beim Wassertropfenhochsprung und Meeresfrüchteangeln.
Mit viel Phantasie, Liebe und Engagement hat das Kinderhaus Weimar das diesjährige Sommerfest für seine Besucher organisiert und gestaltet. Die Arbeit die darin steckt kommt von Herzen: »Das Leben muss Spaß machen!« ist ein Leitsatz der pädagogischen Arbeit im Haus beschreibt Andreas Keune, Leiter der Einrichtung und fügt hinzu »jedes Kind hat ein Recht auf eine glückliche Kindheit, egal wo es herkommt!«

neptunfestDas Kinderhaus befindet sich im Norden von Weimar, einem der sozialen Brennpunkte der Stadt. »Die Kinder, die zu uns kommen haben starke kulturelle, soziale, aber auch emotionale Defizite. Viele Eltern hier können ihren Kindern wenig geben - auch emotional. Sie kommen selbst schlecht klar mit ihrer Situation - arbeitslos zu sein, kein Geld zu haben, arm zu sein.« schildert der Sozialpädagoge und erklärt: »Gesellschaft definiert sich heute über Konsum. Für Kinder von armen Eltern ist das sehr schwierig. Eine schlechtere soziale Herkunft bedeutet leider oft auch eine schlechtere soziale Entwicklung der Kinder«. Um diese Kinder aufzufangen und zu unterstützen entstand 1993 aus einem ehemaligen Kindergarten das Projekt Kinderhaus Weimar, dass dieses Jahr seinen 15. Geburtstag feiert. Seit seiner Komplettsanierung 1998 erwartet das Haus in einem fröhlich bunten Ambiente mit großem Aufenthaltsraum, Kreativwerkstatt, Fotolabor, Küche und großzügigem Außengelände seine jungen Gäste im Alter von vier bis 14 Jahren und darüber hinaus.

Neben kultureller, sportlicher und freizeitorientierter Kinder- und Jugendarbeit, leisten vier Mitarbeiter bemerkenswerte Arbeit im Bereich gesellschaftlicher und sozialer Bildung - auch Kinder- und Jugendschutz gehören dazu. Dabei gibt es unterschiedliche Projekte, die auch Eltern aktiv einbeziehen. So unterstützen einige Mütter die regelmäßige Essensversorgung im Haus, die fünfmal die Woche eine gemeinsame Mahlzeit ermöglicht, indem sie helfen, Brote zu schmieren. Andere Eltern begleiten als Betreuungspersonen die vielfältigen erlebnis- und freizeitpädagogischen Angebote wie Wanderungen, Schlauchboot-Touren oder Wochenendfahrten.
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Aber es gibt auch ein ganz spezielles Projekt im Kinderhaus Weimar, in dem Eltern und Kinder in einem kreativen Rahmen zusammentreffen, verrät Andreas Keune und erzählt: »Das Kinder-Elterntheater-Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem DAS-Jugendtheater und dem Kinder- und Jugendcircus Tasifan. Wir spielten bereits Stücke wie die Schneekönigin, der Zauberer von Oz und Pippi Langstrumpf. Da haben mehr als 30 Leute mitgewirkt - angefangen von den Kindern über Mütter - sogar Omas. Da wurde gemeinsam gelernt, geprobt und gespielt. Manche Familien machen sonst gar nichts zusammen« beschreibt der Leiter der Einrichtung stolz.

Das Kinderhaus ist eine Art Familie, ein Ort zum Treffen, gemeinsamen Spielen, Lachen aber auch zum Reden und ernst genommen werden »Es geht hier nicht primär um Probleme, sondern auch um den ganz normalen Alltag der Kinder und Jugendlichen: das sind Themen wie Liebeskummer, Pubertät, Schwierigkeiten in der Schule oder die erste Regel…« betont Andreas Keune..»Wir wollen keine Konkurrenz zu den Eltern sein oder sie gar ersetzten! Auf keinen Fall. Wir wollen Familienergänzung sein - dazugehören, auffangen, zusammenführen.« fasst der 41-Jährige zusammen und erklärt: »Ich würde unser Anliegen in etwa so beschreiben: Jedes Kind ist wie ein roher Diamant. Jeder, der sich damit beschäftigt und ihn damit auch ein Stück veredelt, wird ihn ein Leben lang prägen! Unser Ziel ist es daher nicht, die Kinder "gesellschaftskompatibel" zu machen, sondern ihnen zu helfen ihren eigenen Weg zu finden - ihre Zukunft.«

pictureDass sie diese Aufgabe ihre Spuren hinterlässt, beweisen die heute jungen Erwachsenen wie Michael. Der 20-Jährige kam vor mehr als sechs Jahren als Jugendlicher ins Kinderhaus, hat sich schnell eingelebt und schätzt die - wie er es ausdrückt - "gepflegte Atmosphäre" im Haus. Seit einiger Zeit hilft er selbst als Mitarbeiter in der Einrichtung und ist glücklich über seine Aufgabe. »Durch das Haus habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Probleme haben, Freude macht. Sie zu unterstützen und dann zu sehen, dass sie sich freuen, wenn man einfach nur zu ihnen sagt: "Komm wir gehen Kirschen pflücken!" oder wenn man mit ihnen Boote baut und wir die dann in die Ilm setzen… Kinder glücklich machen - das ist es!« Der aufgeschlossene, junge Mann ist sich heute schon sicher, dass er das Haus in Zukunft gemeinsam mit seinen Freunden übernehmen wird. »Das steht fest!« betont er »Wir haben uns immer für das Kinderhaus eingesetzt, weil wir stolz auf unser Haus sind und auf unsere Betreuer!« sagt er mit einem breiten Grinsen, dass Hausleiter Andreas Keune vor Stolz sogar etwas rot werden lässt. Diesem Diamant hat er wohl einen ganz besonderen Schliff gegeben.

Kinderhaus Weimar
Kindervereinigung Weimar e.V.
Eduard - Rosenthal- Straße 10
99423 Weimar
Tel. 03643 202902
 

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