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Mama, bin ich dumm?

Der Februar ist der Monat, in dem viele Eltern von Grundschulkindern zu Schullaufberatungen eingeladen werden.

Die Schullaufbahnberatung bildet einen Grundpfeiler unseres gegliederten Schulsystems. Mit dem Begriff Schullaufbahn wird umschrieben, dass es für ein Kind in Abhängigkeit von seiner Leistung verschiedene Möglichkeiten der Schulbildung an verschiedenen Schularten mit verschiedenen Schulabschlüssen gibt. Auf diese Weise sollen Kinder "begabungsgerecht" gefördert werden. Es stellt sich aber immer mehr die Frage, ob die dazu vorgenommene Auslese diesen Anspruch auf der Grundlage eines modernen Lernverständnisses überhaupt noch einlösen kann oder ob damit für manche Kinder sogar die Chancen für ihre Lernentwicklung begrenzt werden.

Eine schnelle Lösung ist aber nicht immer die beste

Da ist z. B. Max. Als er im zweiten Schuljahr war, wurden seine Eltern zu einer Schullaufbahnberatung eingeladen. "Wir empfehlen eine Schullaufbahnkorrektur für Max. Ihr Sohn braucht zu viel individuelle Förderung. Er wird, wenn es im zweiten Halbjahr der zweiten Klasse Zensuren gibt, das Klassenziel nicht erreichen. Was halten Sie von einer Wiederholung oder sehen Sie sich doch mal das Förderzentrum an. Wir könnten für Max dort sogar einen Probeunterricht organisieren."
Das klang nach Service und schneller Entlastung für Max und für seine Eltern. Die Eltern stimmten zu, sich zusammen mit ihrem Sohn das zuständige Förderzentrum anzusehen. Am Tag nach dem Besuch an dieser Schule fragte der knapp achtjährige Junge: "Mama, bin ich dumm?" Während die Eltern ihren Sohn beruhigten, meldeten sich bei ihnen Zweifel. Die Empfehlung, Max ein Schuljahr wiederholen zu lassen oder ihn an ein Förderzentrum zu schicken, war schnell erteilt.
Eine schnelle Lösung ist aber nicht immer die beste. Was ist ein Förderzentrum und wer garantiert, dass Max dort wirklich besser gefördert und mehr lernen wird und warum kann er nicht auch in seiner Klasse gefördert werden?
Am Institut für pädagogische Diagnostik (IpD) ließen die Eltern daraufhin die Schullaufbahnempfehlung für ihren Sohn Max in einem eigens dafür entwickelten Stufenverfahren noch einmal prüfen.
Zunächst wurden die unbekannten Begriffe erläutert. Weicht eine Schullaufbahn vom üblichen Weg z.B. Grundschule dann Regelschule oder Gymnasium ab, spricht man von einer Schullaufbahnkorrektur. Die Eltern erfuhren, dass ein Förderzentrum die neue Bezeichnung für eine Förderschule (früher Sonderschule) ist und dass sie sich mit ihrem Sohn Max ein Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen angesehen hatten.
Am IpD halten wir den Begriff "Schullaufbahn" im Zusammenhang mit dem schulischen Lernen von Kindern für unglücklich. Die Assoziation zur Laufbahn in Verwaltung bzw. beim Militär vermittelt etwas Starres und flößt vielen Eltern großen Respekt und das Gefühl von etwas Unabänderlichem ein. Schon deshalb verwenden wir lieber den Begriff des Lernweges und der Lernwegberatung. Generell sind bei einer Schullaufbahnkorrektur folgende Überlegungen voran zu stellen: Erfolge und Misserfolge auf dem Lernweg eines Kindes sind von sehr vielen Faktoren und keineswegs nur vom Kind abhängig. Umschulungen in Förderzentren oder Klassenwiederholungen verlagern zunächst einmal das Problem mit dem Lernen. Die Überweisung eines Kindes in eine Förderschule ist nicht, wie von vielen Eltern und Lehrern angenommen, bereits schon die Fördermaßnahme. Beide Maßnahmen sind per se noch keine Lösung.
Jede Auslese - und darum handelt es sich hier - ist im Vorfeld sehr sorgfältig zu prüfen, erst recht dann, wenn sie im Verlauf der frühkindlichen Entwicklung (bis ca. 12 Jahre) vorgenommen werden soll.
Es gilt inzwischen als wissenschaftlich gesichert, dass Gehirnstrukturen erfahrungsabhängig herausgebildet werden. Da das menschliche Gehirn sich erfahrungsabhängig verschaltet, wirkt sich folglich eine Aussonderung in anregungsarme Gruppen umso ungünstiger auf die Lernentwicklung eines Kindes aus, je früher sie stattfindet. Der einzige Vorteil, den ein Schüler wie Max kurzfristig hätte, wäre die Entlastung seines Selbstbildes. Oder anders gesagt, Max sähe sich in der Förderschule durch bessere Mitschüler nicht mehr psychisch unter Druck gesetzt. Allerdings verpufft dieser Effekt nachweisbar bereits nach ca. Ω Jahr.

Durch pädagogisch-fachliche Zweitmeinung Fehlentscheidungen minimieren

Thüringen ist seit Jahren das Bundesland mit der höchsten Auslese in Förderschulen. Am IpD wird Eltern deshalb geraten, sich nicht allein von einer Schullaufbahnempfehlung an der vom Kind besuchten Schule leiten zu lassen. Lehrer sind sehr wohl in der Lage, starke und schwache Schüler ihrer Klasse zu identifizieren. Was ihnen fehlt, ist eine schulübergreifende Vergleichsgrundlage. Hinzu kommt, dass viele Lehrer sich nicht in der Lage sehen, ihren Unterricht so zu differenzieren, dass auch Schüler mit sehr unterschiedlichen Lern- und Leistungsvoraussetzungen individuell angeregt werden.
Bevor sie einer fraglichen Schullaufbahnempfehlung, oder einer Schullaufbahnkorrektur für ihr Kind zustimmen, sollten Eltern sich eine pädagogisch-fachliche Zweitmeinung einholen. Irrtümer und Fehlentscheidungen zeigen sich nämlich erst nach erfolgter Schullaufbahnkorrektur. Bei Klassenwiederholungen sind solche Irrtümer und die damit verbundenen Belastungen für das Kind gar nicht mehr, bei Förderschuleinweisungen nur sehr selten rückgängig zu machen. Denn so richtig durchlässig ist das Schulsystem nur von oben nach unten. Entgangene Entwicklungschancen durch die frühe Reduzierung des Angebotsniveaus sind der Preis.
Doch zurück zu Max und seinen Eltern. Max ist nicht an eine Förderschule gewechselt. Die Möglichkeiten, ihn an seiner Schule zu fördern waren noch nicht ausgeschöpft. In Zusammenarbeit zwischen dem IpD, den Eltern und der zuständigen Lehrerin erhielt Max individualisierende Hilfen, die ihn dabei unterstützten, seine Lernprobleme weitgehend zu überwinden. Nach diesem Schuljahr erhält er ganz bestimmt eine Schullaufbahnempfehlung an die Regelschule. Er ist stolz auf seinen Erfolg und seine Eltern auch.

An jeder Schule sollte Lernen der Förderschwerpunkt sein

Das Beispiel belegt, wie wichtig gerade bei Unsicherheiten oder offenen Fragen zur Schullaufbahn bzw. zur Korrektur der Schullaufbahn eine unabhängige Zweitmeinung ist. Günstiger und ein Beitrag zur Durchlässigkeit der Schullaufbahn nach oben wäre es, den Schulabschluss von der Schulart zu entkoppeln. Eine solche Reform ist jedoch nicht einfach von oben anzuordnen. Sie bedeutet eine Wende in der Pädagogik, denn dafür müssten die Lehrer der allgemeinen Schule bereit und fachlich ausreichend befähigt sein. Der Vorteil bestünde darin, dass dann jede Schule eine Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen wäre. Bis das so ist, zeigen Schullaufbahnempfehlung und -korrektur trotz der Gefahr ungenügender Treffsicherheit und entgangener Bildungschancen eine erstaunliche Überlebenskraft.
Und bis dahin ist es wichtig, dass Eltern gut informiert mitreden können. Immerhin werden mit der Schullaufbahnempfehlung die Weichen für die Bildungschancen eines Schulkindes gestellt.
Der Aufwand lohnt sich in jedem Fall.

Autorin:
Dr. S. Wiese
Institut für pädagogische Diagnostik
Löberwallgraben 5/6
99096 Erfurt
Tel:0361/6545565
www.dr-wiese-ipd.de

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