Kribbelbunt

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»Wir brauchen mehr pädagogisches Personal und eine angemessene Bezahlung«


Holger Brandes ist Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden, die den ersten sächsischen Studiengang »Elementar- und Hortpädagogik« berufsbegleitend anbietet. Seit Längerem beschäftigt er sich mit den geschlechtsspezifischen Fragen des Erzieher(innen)berufs in Weiterbildungen. 2007 hat sein Institut die Fachtagung „Männer in Kitas - ersehnt, belächelt, verdächtigt?“ veranstaltet.

Holger Brandes_DD

Herr Brandes, inzwischen ist die Forderung nach mehr männlichen Erziehern ein Gemeinplatz geworden. Aus wissenschaftlicher Sicht: Wozu brauchen wir mehr Männer?

 

»Männer leisten einen eigenen Beitrag zur Erziehung und Bildung von Kindern. Während Mütter besonders die Bildungssicherheit des Kindes beeinflussen, wirkt sich die väterliche Aktivität stärker in Hinblick auf Neugierverhalten und Experimentierfreude aus. Auch Erzieherinnen und Erzieher unterscheiden sich in ihrem Einfluss auf die Entwicklung der Kinder.

 

Unsere Beobachtungen bestätigen, dass Männer in Kindertageseinrichtungen das Moment der Herausforderung gegenüber den Kindern stärker betonen. Sie zeigen eine größere Toleranz gegenüber dem Bedürfnis der Jungen nach grobmotorischer Aktivität und haben andere Zugänge zu spezifischen Jungenaktivitäten.

 

Angesichts steigender Zahlen alleinerziehender Mütter wächst die Notwendigkeit, zumindest in der professionellen Kinderbetreuung, vermehrt auch Männer einzubeziehen. Sowohl Jungen als auch Mädchen haben das Recht auf eine umfassende Bildung und dies schließt den Umgang mit Frauen und Männern ein. Wenn man beobachtet, wie begeistert die Kinder auf männliche Fachkräfte reagieren, wird deutlich, dass auch die Kinder selbst ein starkes Bedürfnis nach Kontakt mit beiden Geschlechtern haben.«

 

Dass der Erzieherinnenberuf ein Frauenberuf ist, das hat ja auch tief verwurzelte historische und gesellschaftliche Ursachen, denen mit Aktionismus nicht beizukommen ist. Wo sehen Sie Lösungsansätze?

 

»Um den Erzieher(innen)beruf aus der Nische der abgewerteten Frauenberufe herauszuführen, bedarf es zuerst einmal dessen weiterer Professionalisierung. Hier bewegt sich zur Zeit sehr viel, von Fort- und Weiterbildung, über Hochschulangebote und bis zu anspruchsvollen Qualitätsdiskussionen. In dem Maße, wie die Bedeutung von Bildung in der frühen Kindheit erfasst wird, sollte aber auch die Anerkennung dieses Berufsfeldes wachsen.«

 

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Und haben Sie je als Erzieher gearbeitet?

 

»Mein Zugang zum Bereich der Frühpädagogik erfolgte zuerst einmal über wissenschaftliche Tätigkeit und die Weiterbildung von Erzieherinnen. Inzwischen bin ich regelmäßig in Kindergärten und nehme an deren Alltag teil, wobei mir deutlich geworden ist, dass die Fachkräfte eine qualitativ gute Arbeit leisten, dies aber wegen chronischem Personalmangel unter unzureichenden Rahmenbedingungen. Deshalb ist ganz unabhängig von der Frage Männer-Frauen meine erste Forderung: Wir brauchen mehr pädagogisches Personal und wir brauchen eine Entlohnung, die der großen Bedeutung und Verantwortung dieser Tätigkeit entspricht. Sonst werden die berechtigten Reform- und Qualitätsdiskussionen, die durch die PISA-Ergebnisse angestoßen wurden, früher oder später im Sande verlaufen.«

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