Ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk aus der Grundschule

Emil und die Detektive – Grundschüler kreieren ihr eigenes Hörbuch. „Ooar, ich fall gleich vom Stuhl, so aufgeregt bin ich!“, platzt es so ehrlich aus Hendrik heraus, dass Charlotte, Jessica und Lena K., mit denen der Zehnjährige im großen Aufnahmeraum am Tisch vor den Studiomikrophonen sitzt, laut kichern müssen.

Hendrik hat heute eine der größten Sprecherrollen bei den Tonaufnahmen im Erfurter Ground Control Tonstudio, in dem die vierten Klassen der Thüringer Gemeinschaftsschule Herbsleben an zwei Tagen für ihr Abschiedsgeschenk aus der Grundschule – ein eigenes Hörbuch – in die Charaktere von Emil und die Detektive schlüpfen. „Ich bin Emil“, erzählt Hendrik stolz und verrät mit cooler Attitüde: „Die anderen sagen, ich habe viel Text, aber ich finde es ist gar nicht so viel.“ 

„Manch einer hat viel Text, manch einer wenig. Aber es ist schön, dass jeder von uns eine Sprecherrolle hat“, bewertet Mitschülerin Jessica sehr erwachsen und erhält für diese Einschätzung von ihren Klassenkameraden umjubelten Zuspruch. „Die Hauptsache ist, dass jeder was sagt, alle dabei sind und die ganze Klasse etwas davon hat!“, fasst die Zehnjährige schließlich bedacht zusammen, während sie mit den anderen aus der 4a aufgeregt im Flur vor dem großen Aufnahmeraum auf ihren Sprechereinsatz wartet. „Ich bin die Kundin“, verkündet Jessica noch rasch, ehe sie noch einmal für sich gewissenhaft ihren Text durchgeht und Klassenkamerad Fynn selbstsicher erklären kann: „Also ich bin Gustav!“ Betont cool schiebt der Blondschopf nach: „Er ist der Anführer der Bande, die den Dieb sucht!“

„Ja und ich bin der Kleine Dienstag. Und ich muss sogar berlinern!“, sprudelt es zugleich nur so aus Darian heraus, während die neunjährige Sarah hofft, ihren auswendig gelernten Text als Zugführerin bei den Aufnahmen gleich gut zu meistern und dann ihre Trillerpfeife rechtzeitig zum Einsatz zu bringen: „Ich muss dann gleich im Studio sagen: „Alle einsteigen! Alle einsteigen!“, bietet sie ihrer Gruppe freudig eine ernstzunehmende Kostprobe.

Was heute und morgen für die jeweils 19 Kinder der Höhepunkt eines außergewöhnlichen Hörbuchprojektes ist, hat zunächst als Lektüre für den Deutschunterricht seinen Weg in die beiden vierten Klassen gefunden, weiß Anne-Sophie Méresse zu berichten. Die sympathische Grundschul- und Klassenlehrerin der 4a kennt das Buch „Emil und die Detektive“ selbst noch aus ihrer Kindheit und hat ihre Begeisterung für Erich Kästners Lektüre seither nicht vergessen. „Ich dachte, es sei eine tolle Idee mit den Kindern mal etwas Klassisches zu lesen. Denn oft geht es in den modernen Büchern um neue Sachen oder aber um Prinzessinnen und Roboter“, erzählt die 27-Jährige und erinnert sich an die ersten Unterrichtsstunden in ihrer Klasse mit Erich Kästners realistischem Kinderroman: „Emil und die Detektive“ spielt zwar vor langer Zeit, aber die Kinder konnten sich gut in die Geschichte hineinversetzen, in der einem kleinen Jungen namens Emil sein Geld gestohlen wird und er sich schließlich in Berlin auf die Suche nach dem Dieb macht.“ 


 „Einleitend zu „Emil und die Detektive“ haben wir im Unterricht über Erich Kästner und auch die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gesprochen, in der die Geschichte spielt. Allein die Thematik Weltkrieg bewegte die Kinder auf berührende Weise und stieß bei ihnen auch aus Aktualitätsgründen auf großes Interesse – da beispielsweise ein Kind mit seinen Eltern kurz zuvor die Gedenkstätte Buchenwald besucht hatte und davon erzählen wollte“, erkennt Anne-Sophie Méresse die Wichtigkeit, Themen die Kinder bewegen auch im Unterricht aufzugreifen und mit einfließen zu lassen.


Eine echte Herausforderung für die jungen Hörbuchautoren und -sprecher sei vor allem das Sprachformat gewesen, erklärt die junge Pädagogin rückblickend. „Erich Kästner Texte beinhalten viele Verschachtelungen und unbekannte Wörter. Das allein war schon eine spannende Aufgabenstellung für die Schüler und sorgte für eine erste intensive Auseinandersetzung mit dem Buch – aber es steigerte zugleich auch ihr Interesse!“, betont sie weiter und verdeutlicht: „Das Verstehen war letztendlich enorm wichtig und die Grundlage für das spätere transferierende und handlungsorientierte Arbeiten mit den Texten. Denn die Kinder haben letztlich aus den einzelnen Kapiteln des Buches jeweils eine eigene Zusammenfassung erstellt und daraus Hörbuchpassagen entwickelt.“

Seiher sind die Klasse 4a von Anne-Sophie und deren Parallelklasse 4b von Lehrerin Melanie Tröger, deren Schüler im Studio den zweiten Teil des Hörbuches gestalten, im ungebrochenen Emil-Fieber! 

Bis zu den Hörbuchaufnahmen in diesem April haben sich die Kinder dafür fast vier Monate lang ambitioniert vielen weiteren intensiven Aufgaben im Deutschunterricht rund um die Lektüre gestellt. „Wir haben über die Zeit, in der die Geschichte von Emil und die Detektive spielt, geredet; über das Leben von Erich Kästner gesprochen und natürlich auf vielen Ebenen sehr intensiv an der Entstehung eines selbstinszenierten „Emil und die Detektive“-Hörbuchs gearbeitet“, bietet Anne-Sophie einen weiteren Einblick in den Entwicklungsprozess des Hörbuchs und weiß: „Eine besondere Herausforderung war für meine Schüler auch die Überarbeitung ihrer eigenen Hörbuchtexte. Ich habe ihnen Anregungen zum Nachdenken und zur Lösungsfindung gegeben und sie so einzig durch Denkanstöße Stück für Stück dahin geführt, dass am Ende ein stimmiges Hörbuchmanuskript steht, das sie selbst geschaffen haben. Beispielsweise stand die Frage: ‚Wie könnte es in einem Hörbuch umgesetzt werden, dass Emil etwas denkt aber selbst ja gar nicht laut sagt?‘ Dabei sind tolle Gespräche zwischen den Schülern und auch viele weitere schöne Ideen zur Umsetzung entstanden“, zeigt sich die Lehrerin für Deutsch, Mathematik, Heimat-/Sachkunde und Französisch überaus zufrieden mit der Leistung ihrer Schüler.

„Am Ende haben die Kinder sogar die Rollenverteilung nahezu selbständig übernommen. Sie haben sehr ernsthaft diskutiert, argumentiert und abgewogen, warum eine Rolle zu jemandem am besten passt. Sie haben nach Parallelen zu den einzelnen Charakteren des Buches gesucht und in ihren Mitschülern gefunden“, schmunzelt Anne-Sophie und blickt lachend zurück: „Dabei sind wunderbare, bleibende Situationen entstanden. Beispielsweise war es zauberhaft, als die Kinder feststellten, dass Carolina und Lena K., unbedingt die Rollen tauschen sollten …“

An diesen Rollentausch erinnern sich auch die Klassenkameraden sehr gerne, die aufgeregt im Pulk mit Lena K. und Carolina stehen. Die beiden Mädchen haben inzwischen ihre ersten Sprecher-Aufnahmen schon souverän in der Tasche, müssen sich aber dennoch von ihren Mitschülern liebevoll necken lassen: „Sag ich ja! Also Lena ist die perfekte Großmutter, weil sie viel ruhiger ist“, gestikuliert der elfjährige Shawn – der Professor im Emil-Hörbuch gerade. Und Lena B., die heute die Sprecherrolle von Frau Jakob übernimmt, ergänzt lachend: „Und Carolina musste natürlich Pony Hütchen sein, denn sie ist ja auch unsere kleine Zicke, stimmt‘s Carolina?“ Alle lachen herzlich. Carolina nickt eifrig, fällt gerne ins frohe Gelächter mit ein und ihrer Freundin Lena B. zugleich freundschaftlich in die Arme. 

Langsam kehrt ein bisschen Routine ein in das Aufnahmegeschehen und in den „Atombunker“, wie Shawn das ‚unterirdische gelegene‘ Tonstudio nahe der Erfurter Altstadt geheimnisvoll nennt. Ground Control Tonstudio-Inhaber und Musik- und heute auch Hörbuch-Produzent Stefan Morgenstern und sein Ground Control Team, müssen über so viel kindliche Fantasie herzlich lachen. Sie freuen sich über das rege Interesse am Studiogeschehen ihrer jungen Sprecher, die immer wieder vergessen, dass sie im großen Regieraum durchweg zu hören sind. – Das sorgt für jede Menge lustige Momente, denen gerade auch die nächsten Sprechergruppe, kurz vor ihren Aufnahmen schon einmal beiwohnen darf.

So erleben die Kinder vom Regieraum aus auch das coole Agieren von Hendrik alias Emil. Dieser sitzt inzwischen mit ein paar anderen Mitschülern für eine weitere Kapitelaufnahme wieder im Aufnahmeraum. Lässig hat er die Beine ausgestreckt und checkt während der Aufnahmen, ob seine Mitstreiter auch alle ihren Text ordentlich vortragen. „Fehler!“, kommentiert er gewissenhaft. Dann ruft er erst Erzählerin Charlotte und später auch Cosima, Emils Mutti, beruhigend und zugleich bestimmt zu: „Durchatmen!“, bevor er selbst in einer Traumszene, nicht nur des Geräusches wegen, vom Stuhl rutscht, und diesen auch sogleich noch mit sich reißt. „Das ist voller Einsatz“, lacht es aus Aufnahme- und Regieraum zugleich. 

„Ja“, ruft Cosima wenig später ganz euphorisch: „Das fand ich auch so toll, als Hendrik mir gesagt hat, ich soll einatmen und ausatmen. Das war richtig gut! Denn ich war ja auch so aufgeregt! Ich hatte solche Angst, dass sich mein Text nicht gut genug anhört. Aber dann, als Hendrik das gesagt hat, habe ich sofort alle Aufregung vergessen und fand es im Studio einfach nur noch schön!“ 

„Und ich bin froh, dass ich es jetzt geschafft habe“, schnauft Lenard erleichtert durch und lässt sich auf die große Couch im Vorraum plumpsen, ehe er seine Rolle noch einmal zum Besten gibt: „Willst du etwa damit sagen, dass ich ein Feigling bin?“ Der Zehnjährige lacht und meint erklärend: „Der Traugott ist halt ein kleiner Bösewicht, der immer so pampig antwortet. 

‚Zugführerin‘ Sarah kann ebenfalls nur noch strahlen vor lauter Glück: „Alle einsteigen, alle einsteigen!“ ruft sie gelöst und schätzt ein: „Ich glaube, ich habe das gut gemacht! Und dabei hatte ich so große Angst, dass ich vielleicht zu spät pfeifen würde …“, zerstreut sie mit erleichtertem Kopfschütteln all ihre Sorgen darüber.


 „Es hat sich für die Schüler irgendwann nicht mehr wie Unterricht angefühlt“, beschreibt Lehrerin Anne-Sophie den Erfolg ihrer Unterrichtsmethodik und erklärt: „Im Umkehrschluss haben die Kinder selbst viel eingefordert. Sie wollten jede Gelegenheit nutzen, um weiter an ihrem Hörbuch zu arbeiten und später dann auch, um die Rollen einzuüben und die Geräusche für die Aufnahmen zu bestimmen und zu organisieren. Für die Schüler hat sich durch die Hörbuchproduktion so viel Neues ergeben, das sie intensiv erfahren und erleben wollten. Die Krönung waren da natürlich die Aufnahmen in einem professionellen Tonstudio.“ 


„Ich freue mich, dass alles so gut klappt und ich bin so stolz auf meine Klasse!“, zeigt sich Lehrerin Anne-Sophie indes überglücklich. „Wenn man bedenkt, dass zu Beginn nicht jedes Kind wusste, was ein Hörbuch ist und sie am Ende dann selbst ein eigenes Hörbuch, auf Grundlage eines Buches, erschaffen … Und jetzt hier so professionell ihre Tonaufnahmen gemeistert haben, finde ich das eine grandiose Leistung! – Allein schon für das Alter der Kinder!“, unterstreicht sie. Große Erfolge sieht die Pädagogin in vielerlei weiterer Hinsicht. „Stolz macht mich auch, wie viel besser die Kinder jetzt lesen können und wie selbstbewusster sie geworden sind. Selbst die Kinder, die noch mit Leseschwierigkeiten zu kämpfen haben, haben da unglaubliche Fortschritte gemacht. Das haben sie alles aus eigener Motivation herausgeschafft!“, zeigt sich die 27-Jährige gerührt.

„Es hat sich für die Schüler einfach irgendwann nicht mehr nach Unterricht angefühlt“, erklärt sie schließlich den beeindruckenden Erfolg. Anne-Sophie Méresses Unterrichtsmethodik beweist damit, dass engagierte Lehrer, die unkonventionelle Lehrmaßnahmen für ihre Schüler ergreifen, sehr viel bewegen und dabei bei Kindern Kompetenzen bis weit über den Lehr- und Bildungsplan hinaus entwickeln können. Beim Hörbuchprojekt „Emil und die Detektive“ sind es unter anderem: die Schulung des Lese-Verstehens, die Förderung des Lesens an sich aber auch die des sozialen Verständnisses und Miteinanders. – Nicht zu vergessen, natürlich auch das äußerst intensive Arbeiten mit Texten und deren kreativer Transformation in ein anderes Medium.

„Bis zu den Hörbuchaufnahmen war es ein weiter aber auch toller Weg“, resümiert die beliebte junge Klassenlehrerin und betont: „Vor allem war es auch eine wertvolle Zeit mit meiner Klasse, die ich leider zum Ende des Schuljahres abgeben muss, weil für sie mit dem Wechsel in die 5. Klasse ein neuer Lebensabschnitt beginnt.“ 

„Emil und die Detektive“ habe die Schüler, die von Beginn an untereinander ein gutes soziales Miteinander pflegten, noch näher zusammengebracht und dazu auch ein noch herzlicheres Klassenlehrerin-Schüler-Verhältnis geschaffen. „Es ist also nicht nur weil es meine erste Klasse ist, die ich begleite, auch für mich ein besonderes Miteinander", gibt Grundschullehrerin Anne-Sophie mit einem Augenzwinkern zu verstehen und sagt: „Ich bin ehrlich begeistert, wie toll sich meine acht Mädchen und elf Jungen in den vier Jahren entwickelt haben. Und wenn sie ihr selbstgeschaffenes Hörbuch „Emil und die Detektive“ zum Abschied am Ende des Schuljahres in den Händen halten, werden auch sie feststellen, wie sehr sie an sich gewachsen sind!“

Wir wünschen den Schülern der Klassen 4a und 4b der Thüringer Gemeinschaftsschule Herbsleben alles Gute für ihren weiteren Weg!
 

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