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Rückzug aus der realen Welt - wann aus Spiel Sucht wird

Beim Online-Gaming scheiden sich die Geister: Für die einen sind Computerspiele ein Grundübel unserer modernen Gesellschaft, für die anderen Spannung, Spaß, Freizeitbeschäftigung und nützliches Gehirntraining. Dass Kinder und Jugendliche lange im Netz unterwegs sind, dort spielen und kommunizieren, heißt nicht automatisch, dass sie schon onlinesüchtig sind. Wann der schmale Grat zur Sucht überschritten ist, erklärt Lisa Esser, Psychologin bei der AOK Sachsen-Anhalt.
© AOK Mediendienst

Bei Jugendlichen stehen Games und die sozialen Netzwerke hoch im Kurs: So nutzen nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 12- bis 17-Jährige Computerspiele und Internet durchschnittlich 22 Stunden pro Woche, 18- bis 25-Jährige durchschnittlich 21 Stunden. Der Anteil Jugendlicher mit exzessiver Mediennutzung ist jedoch relativ klein: 5,8 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren haben ein gestörtes Internet- oder Computerspielverhalten, bei den 18- bis 25-Jährigen sind es 2,8 Prozent.

„Wenn Jugendliche mal eine intensive Spielphase oder Mediennutzung haben, muss das nicht gleich auf eine krankmachende Entwicklung hindeuten“, sagt Psychologin Esser. Die Dauer sei nicht das einzige Kriterium für ein bedenkliches Medienverhalten. „Es kommt vor allem darauf an, rechtzeitig bestimmte Suchtkriterien zu erkennen. Wenn die Jugendlichen nächtelang vor dem Computer sitzen, ihre Körperpflege, Ernährung und Gesundheit vernachlässigen, kaum noch andere Interessen haben und aggressiv reagieren, wenn ihnen Computer oder Smartphone entzogen werden, spätestens dann besteht therapeutischer Handlungsbedarf." Außerdem ziehen sich die Betroffenen immer mehr von Familie und Freunden zurück.

Kriterien für eine Online-Spielsucht

2018 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Kriterien für eine Computerspielsucht offiziell festgeschrieben. Online-spielsüchtig ist demnach, wer die Kontrolle über sein Spieleverhalten verliert. Um eine Online-Spielsucht zu diagnostizieren, müssen die Symptome mindestens zwölf Monate vorliegen. Eltern, denen das exzessive Spiel- oder Online-Nutzungsverhalten ihres Nachwuchses Sorgen macht, sollten zunächst die Gründe dafür herausfinden. „Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Kind“, rät AOK-Expertin Esser. So können schulischer Stress, Konflikte in der Familie oder im Freundeskreis sowie andere Probleme in der Schule oder Freizeit Gründe für exzessives Spiel- beziehungsweise Online-Verhalten sein. „Bewerten Sie jedoch nicht sofort, sondern seien Sie wirklich interessiert an den Erklärungen Ihres Kindes“, rät die Expertin. Wichtig ist, dass Eltern ihr eigenes Verhalten überprüfen: Wer selbst ständig am Smartphone oder vor dem Computer hängt, ist kein gutes Vorbild für den Nachwuchs. „Zur Medienkompetenz gehört es auch, zu erkennen, wann es Zeit für eine Spiel- oder Filmpause ist und dass eine zu lange Medienzeit schädlich sein kann. Besser als strikte Verbote sind hier klare Regeln. Diese können in einem Mediennutzungsvertrag stehen, den Eltern und Kind gemeinsam unterschreiben", so Esser.

Richtwerte für die Mediennutzung

Je nach Alter der Kinder empfehlen Fachleute unterschiedliche Richtwerte für die Mediennutzung: Unter fünf Jahren sollte der Nachwuchs maximal eine halbe Stunde am Stück, von sechs bis neun Jahren bis zu einer Stunde Computer spielen. Bei älteren Kindern ab zehn Jahren wird ein Zeitkontingent von zehn Minuten Medienzeit pro Lebensjahr am Tag oder einer Stunde pro Lebensjahr in der Woche vorgeschlagen. So lernen Kinder, sich ihre Ressourcen einzuteilen und ein gesundes Maß zu finden.

Eltern sollten außerdem Alternativen für Hobbys und Freizeitaktivitäten abseits von Computer und Smartphone anbieten. Kinder müssten aber auch lernen, Langeweile auszuhalten. „Wenn Schule, Freunde, der Sport oder andere Hobbys über mehrere Monate wegen des Internets vernachlässigt werden und die Jugendlichen trotz negativer Konsequenzen nicht aufhören können, sollten Eltern professionelle Hilfe suchen, zum Beispiel bei einer Sucht- oder Erziehungsberatungsstelle“, empfiehlt Psychologin Esser. "Denn auf lange Sicht kann eine unbehandelte Online-Spielsucht die Entwicklungschancen erheblich beeinträchtigen."

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