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In einer klaren Winternacht, als rote Laternen leise im Wind schaukelten, wurde in einem kleinen Dorf ein Fohlen geboren. Das Fell war weich wie Seide und die Augen strahlten voller Neugier. Es trug den Namen Xiao Ma.
Es war die Nacht des chinesischen Neujahrs. Aus den Häusern klang Lachen, es duftete nach leckeren Speisen, und überall wünschten sich die Menschen Glück für das kommende Jahr. Immer wieder hörte man denselben Satz. Dieses Jahr ist etwas Besonderes, denn es ist das Jahr des Pferdes.
Xiao Ma wusste, dass jedes Jahr einem Tier gewidmet ist. So war es seit jeher gewesen. Die Dorfältesten erzählten, dass das vergangene Jahr der Schlange gewidmet wurde. Und nun ist dieses Jahr das Pferd an der Reihe.
Dieses Jahr, sagten die Menschen, es bringe Bewegung, es bringe frische Energie, Aufbruch und den Mut, neue Wege zu gehen.
Xiao Ma verstand noch nicht alles davon. Aber tief im Herzen fühlte sich dieser Gedanke einfach nur schön an.
Am nächsten Morgen strahlte das erste Sonnenlicht über die Berge auf die Felder und das Dorf. Die Reisfelder glitzerten im Sonnenlicht und die roten Laternen ruhten noch müde vom Fest. Xiao Ma war schon wach. Etwas fühlte sich anders als sonst an. Leichter und wacher.
Vielleicht ist heute ein guter Tag, um loszugehen, dachte sich das kleine Pferd. Nicht weit, nur ein kleines Stück, einfach um zu spüren, wie sich die für das kleine Pferd vollkommen neue Welt anfühlt.
Das kleine Pferd war noch etwas unsicher auf den Hufen, doch Schritt für Schritt ging Xiao Ma los. Vorbei an geschmückten Türen mit goldenen Zeichen für Glück und Neubeginn. Vorbei an roten Bändern, die im Wind flatterten, als wollten sie sagen: „Geh nur, trau dich und erlebe dein ganz eigenes Abenteuer.“
Für einen Moment blieb das kleine Pferd stehen, dessen Herz ganz schnell klopfte, denn der Weg wirkte plötzlich weiter als gedacht.
Doch dann erinnerte sich Xiao Ma an die Worte der Menschen. Dieses Jahr steht für Energie, Freiheit und Aufbruch.
Also ging das kleine Pferd weiter.
Hinter dem Bambushain führte ein schmaler Weg auf einen kleinen Hügel. Der Aufstieg war anstrengend. Mehr als einmal wollte Xiao Ma umkehren, aber die Worte der Menschen machten dem kleinen Pferd Mut.
Als es die Spitze des Hügels endlich erreicht hatte, blieb das kleine Pferd stehen, mitten auf dem Hügel zwischen den Wolken, hoch über allem anderen.
Vor Xiao Ma lag das ganze Tal. Das Dorf wirkte klein und friedlich, die roten Laternen leuchteten noch immer zwischen den Dächern, als würden sie den neuen Beginn erleuchten. Der Wind strich weich über das Fell und trug den Klang ferner Trommeln heran.
In diesem Moment verstand Xiao Ma etwas.
Das Jahr des Pferdes bedeutet nicht nur Schnelligkeit oder Stärke, es bedeutet Lebendigkeit. Es heißt, den ersten Schritt in etwas Neues zu wagen, und dabei dem eigenen Herzen zu vertrauen, wenn es sagt: Jetzt ist die Zeit.
Vielleicht, dachte sich das kleine Pferd, beginnt Aufbruch manchmal ganz still und nach eigenem Tempo.
Mit einem warmen Gefühl im Inneren macht sich Xiao Ma auf den Rückweg. Am Abend begann das Dorf wieder zu feiern. Lichter stiegen in den Himmel, Kinder lachten und Trommeln klangen durch die Straßen.
Xiao Ma legte sich neben die Mutter und schloss langsam die Augen. Die Reise war nicht weit gewesen, und doch hatte sich etwas verändert.
Im Herzen fühlte sich alles weit an.
Und während draußen die roten Laternen im Dunkeln leuchteten und ein neues Jahr begann, schlief das kleine Pferd friedlich ein.
Gute Nacht.



