Erziehung weltweit

Andere Länder, andere Sitten – auch in der Erziehung? Wie ihr eure Kinder erzieht, wird stark von eurem kulturellen Kontext beeinflusst. Hier folgt unser Blick über die Landesgrenze.

China

Wegen Chinas hoher Bevölkerungsrate gibt es auf dem Arbeitsmarkt eine starke Konkurrenzsituation. Dadurch steigen die Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, immer weiter. Schon ein- bis zweijährige Kinder werden außerhalb des Kindergartens noch zu Leistungskursen geschickt, um Rechnen oder Lesen und Schreiben zu lernen. Die Eltern vergessen dabei manchmal, dass sie es nicht mit kleinen Erwachsenen zu tun haben, weswegen sie auch Spielen und kindlichem Erleben nicht so viel Bedeutung beimessen. Disziplin, Erfolg und Respekt sind die wichtigsten Werte. Häufig beteiligen sich auch die Großeltern in der Erziehung. Ihre Generation hat große Armut erlebt, weswegen sie ihre Fürsorge für ihr Enkelkind durch Essen ausdrücken: Kinder müssen in China immer den Teller leer essen.
 

Italien

Italiener lieben Kinder zwar, aber das Klischee der kinderreichen Familie ist Geschichte. Familien werden wenig von Staat und Gesellschaft unterstützt und Kinder sind zum persönlichen Luxus geworden, den man sich leisten können muss. Vor allem, da Italiener den Hang haben, ihre Kinder nach Strich und Faden zu verwöhnen. Das Beste ist gerade gut genug für sie. Sie wachsen sehr behütet auf, wodurch sie aber auch ein wenig unselbstständig werden. Da die Kinderbetreuung in Italien noch nicht abgesichert genug ist, verbringen sie viel Zeit bei den Großeltern, die meist nicht weit entfernt wohnen. Generell hat die Familie und deren Zusammenhalt oberste Priorität und es ist wichtig, den Älteren Respekt gegenüber zu haben.
 

USA

Der inzwischen auch in Deutschland bekannte Begriff „Helikopter Eltern“ kommt aus den Vereinigten Staaten und beschreibt Eltern, die ständig um ihr Kind kreisen und versuchen, es vor allen potenziellen Gefahren abzuschirmen. Überall gibt es Sicherheitsvorkehrungen und Kinder müssen ständig beaufsichtigt werden. Doch weil sich die Kinder nicht selbst ausprobieren dürfen, werden sie damit auch zur Unselbstständigkeit erzogen. Das Einhalten der vorgeschriebenen Regeln ist sehr wichtig und Fehlverhalten kann durch Zimmerarrest oder Time-Outs bestraft werden. Dafür werden Erfolge, vor allem in der Bildung, überschwänglich gelobt.
 

Frankreich

Frankreich hat die höchste Rate berufstätiger Mütter und es ist hier der Normalfall, dass ein Kind nicht von der Mutter betreut wird. Die Schule beginnt für französische Kinder bereits mit drei Jahren, vorher wird die Kinderbetreuung meist in Krippen oder von einer Tagesmutter übernommen. Doch vor allem dadurch liegt Frankreich in der Kinderanzahl europaweit vorne, Eltern müssen keine Angst vor einer Karriereunterbrechung haben. Die Familie dreht sich traditionsgemäß eher um die Bedürfnisse der Erwachsenen als um die der Kinder. Falls die Kinder sich nicht an diese Regel halten, gibt es auch schon mal einen Klaps. Frankreich weigert sich bis heute, es den anderen europäischen Staaten gleich zu tun und Gewalt in der Erziehung unter Strafe zu stellen.
 

Namibia

In Namibia werden Kinder von Anfang an erzogen, wenig zu weinen und keine negativen Emotionen zu zeigen. Wenn ein Baby zu viel schreit, wird es alleine gelassen und ignoriert, damit es lernt, dass es durch solche Ausbrüche keine Aufmerksamkeit bekommt. Erwachsene möchten Kinder nur sehen und nicht hören können. Kinder sollen möglichst unter sich bleiben und die Erwachsenen setzen sich nicht aktiv mit ihnen auseinander. Wenn die Erwachsenen ihnen aber Anweisungen geben, müssen die Kinder gehorchen, ansonsten können sie sowohl in der Familie wie auch in der Schule mit Schlägen bestraft werden oder es wird ihnen mit Geschichten von Hexerei, schwarzer Magie und Dämonen Angst gemacht. Eltern können aber auch sehr liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Es wird viel Körperkontakt hergestellt und kleine Kinder werden am Körper überall mitgetragen. 
 

Niederlande

In den Niederlanden findet eine sehr gerechte Aufteilung der haushaltlichen und familiären Aufgaben zwischen Mann und Frau statt, vorgeschriebene Rollen gibt es nicht. Es ist nicht untypisch, dass auch der Mann nach der Geburt weniger arbeiten geht. Generell setzt die Fremdbetreuung in den Niederlanden aber schon früh ein. Trotzdem nehmen sich die Eltern viel Zeit für ihre Kinder. Workaholics, die endlos Überstunden machen, sind selten und wenn, werden sie eher belächelt statt gelobt. Die Gesellschaft ist sehr kinderfreundlich eingestellt, Kinder können fast überallhin mitgebracht und einbezogen werden.
 

Japan

Lautes Ausschimpfen und unbegründete Verbote gibt es in Japan kaum. Wenn das Kind einen Fehler macht, wird das darauf zurückgeführt, dass es das als Kind noch nicht besser wissen kann und wird darum nicht bestraft. Stattdessen leben die Eltern dem Kind die richtige Verhaltensweise als gutes Beispiel vor und appellieren an die Empathie des Kindes: „Wie würdest du dich fühlen, wenn man dich nicht ausreden lässt?“ Japanischen Kindern wird sehr viel Aufmerksamkeit und Nähe geschenkt. Als Baby schlafen sie im Bett ihrer Eltern und bis sie ein Teenager sind immer noch im selben Zimmer. Da Bildung, Anstand und Zurückhaltung ein großes Ansehen in der japanischen Kultur hat, erwarten die Eltern auch viel von ihren Kindern. 
 

Russland

Die Familie nimmt in Russland einen sehr wichtigen Stellenwert ein. Meistens wohnen auch mehrere Generationen unter einem Dach. Einerseits, um sich gegenseitig finanziell zu unterstützen, andererseits aber auch, um den familiären Zusammenhalt besser pflegen zu können. Die Kinder haben dadurch auch eine sehr enge Bindung zu den Großeltern, die auf die Kinder aufpassen, wenn die Eltern arbeiten. Da sich an der Erziehung die ganze Familie beteiligt, ist sie meist traditionsgeprägt mit strengen Regeln. Die Selbstverwirklichung steht dabei nicht im Vordergrund, sondern die Gruppenbezogenheit. Es wird zwar trotzdem viel gestritten und laut diskutiert, aber im Endeffekt zählt trotzdem der Familienzusammenhalt am meisten.
 

Finnland

In Finnland ist die Familienpolitik sehr fortschrittlich und wichtig. Das fängt bereits mit der Geburt an, wenn jede Familie eine Startbox mit Baby-Artikeln erhält. Die Betreuung ist ab dem ersten Monat abgesichert, sodass Eltern schnell wieder arbeiten können. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen, haben außerdem viele Kindergärten 24 Stunden geöffnet, was für flexible Bring- und Abholzeiten sorgt. Der Beruf des Erziehers erfordert hier einen Universitätsabschluss und ist sehr hoch angesehen. Durch die umfassende Betreuung ist Erziehung nicht nur Privat-Angelegenheit. Die Kinder werden nach ihren individuellen Stärken gefördert, damit sie Spaß am Lernen haben und zu selbstbewussten, verantwortungsvollen Menschen erzogen werden.
 

Türkei

Kleine Kinder werden in der Türkei oft sehr verwöhnt und dürfen machen, was sie wollen. Erst wenn sie älter werden, wird die Erziehung strenger. Jungs haben weiterhin relativ viele Freiheiten, müssen aber Verantwortung für ihre Schwestern übernehmen. Die Mädchen müssen sich an strenge Regeln halten, wozu gehört, sich nicht zu frei anzuziehen, nicht feiern zu gehen und Alkohol zu trinken sowie nicht viel Kontakt zu Jungs zu haben. Außerdem müssen die Mädchen viele Aufgaben im Haushalt übernehmen. Sowohl Mädchen als auch Jungen wohnen bis zur eigenen Hochzeit bei ihren Eltern. Aber auch dann noch müssen sie ihren Eltern und älteren Geschwistern mit viel Respekt begegnen, das ist einer der wichtigsten vermittelten Werte.
 

Deutschland

Kinder sind in Deutschland eher eine Privatangelegenheit. Dadurch stehen junge Eltern mit ihrem Baby am Anfang auch erst einmal eher alleine da. Dass sich Eltern bei der Erziehung nur ungern reinreden lassen, zeigt auch, dass der Trend eher zur Kleinfamilie geht. So erziehen Eltern ihre Kinder auch vor allem zu Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein. Die Regeln, die getroffen werden, müssen zwar klar eingehalten werden, aber sie werden mit den Kindern diskutiert, damit sie die Regelungen nachvollziehen können. Außerdem werden deutsche Kinder eher zum Individualismus als zu gruppenbezogenem Denken erzogen.
 

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