Zweisprachige Erziehung

»Die spanische Sprache ist nicht ansteckend«

»Ich gehöre nicht zu den Eltern, die mit den Kindern nur spanisch sprechen.«,schildert Maria Victoria de Dios Oviedo ihren bilingualen Familienalltag. Die Mutter einer elfjährigen Tochter kam in den 80er Jahren aus Madrid nach Deutschland. Als gebürtige Spanierin war sie zunächst nach ihrem Studienabschluss in Hannover, um die ihr bis dato fremde deutsche Sprache zu lernen. »Ich kam zunächst nur kurz, dann für ein Jahr, daraus wurden zwei Jahre und dann drei – wie das manchmal so ist.«, erzählt sie augenzwinkernd.

Während ihrer Aufenthalte in Deutschland lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen, »so wie man viele Leute kennen lernt.« Und wie das auch manchmal so ist, gründete die heute 44-jährige mit ihrem Mann eine Familie, in der »jeder alles spricht, egal in welcher Sprache wir gerade sind«. Da ihre gemeinsame Tochter somit zweisprachig aufwächst, möchten wir mehr erfahren über den bilingualen Familienalltag.

Zweisprachig erziehen ?

Von Anfang an war Maria de Dios und ihrem Mann klar, dass ihr Mädchen spanisch können soll, weil die Hälfte der Familie in Spanien kein deutsch kann. »In Hannover war es damals einfacher mit der bilingualen Erziehung, da es dort einfach einen größeren Anteil von Ausländern und Spaniern gab, auch in unserem Freundeskreis. Gemischte Paare waren da keine Seltenheit, sodass meine Tochter dort somit auch mehr spanisch als jetzt in Thüringen gehört hat.« Doch nicht nur angesichts dieser Tatsachen ist das bilinguale Familienleben nicht so einfach, wie viele denken. Es gäbe kein Patentrezept für eine zweisprachige Erziehung der eigenen Kinder. »Jedes Kind ist anders, bei dem einen funktioniert es wunderbar, beim anderen eben nicht. Es gab bei uns Momente, in denen das Kind einfach nicht wollte. Es wollte nicht anders sein. Jetzt sind wir gerade in so einer Phase, in der sie das ganz schick findet, mehrere Sprache zu sprechen.«, so die Mama des Teenagers.

Zweisprachige Erziehung im Alltag

Die alltägliche Kommunikation zwischen Mutter und Tochter ändere sich im Moment oft, beispielsweise wenn andere Kinder im Umfeld sind, dann rede Maria de Dios deutsch mit ihrem Kind. »Andererseits hängt es auch von meiner Müdigkeit ab, ob ich noch Lust habe, deutsch zu reden. Mir fäll es nicht immer leicht, von meiner Muttersprache auf die andere zu wechseln«, schildert die 44-jährige Spanisch-Lektorin die Problematik. Auch welche Sprache die elfjährige Tochter spricht, ist »total unterschiedlich«. Das hängt von der Laune des Kindes ab und auch von der ihrer Eltern. Momentan gibt es sogar drei Sprachen im sonst spanisch-deutschen Haushalt, weil der Sprössling seit Dezember eine internationale Schule besucht und englisch lernt.

Maria de Dios beschreibt uns dies vergnügt: »Plötzlich kommen jetzt Wörter auf Englisch dazu, je nachdem, wer gerade zu Besuch ist, wie zum Beispiel ihre beste Freundin, deren Muttersprache englisch ist.« So komme es zu amüsanten Situationen, weil »Das nun gerade das Alter ist, in dem Sprachkenntnisse für Kinder besonders interessant werden und sie meinen, so ihre Geheimnisse besser miteinander teilen zu können, ohne dass ein anderer von diesen erfährt.«, erzählt die Spanierin wissentlich lächelnd.

Als sie dann auch noch gesteht, dass es im Prinzip noch eine vierte Sprache im Leben der Tochter gibt, sind wir regelrecht sprachlos: »Als unser Kind eine portugiesisch sprechende Tagesmutti hatte, waren manche Worte in ihrem Wortschatz auch noch portugiesisch und ich musste gelegentlich unsere Tagesmutter anrufen, um zu verstehen, was mein Kind gerade von mir will«, bekennt die sympathische Frau.

Jedes Jahr fährt die Familie nach Spanien. Als das Kind drei Jahre alt war, haben die Eltern sie das erste Mal allein bei den Verwandten im Heimatland der Mutter gelassen. »Zwei Wochen ohne uns, das prägt und war kein Problem.«, versichert uns Maria Dios. Zur bilingualen Erziehung ist es in der deutsch-spanischen Familie ganz automatisch aus dem Bedürfnis heraus gekommen, »weil es nicht denkbar ist, dass das Kind mit der Hälfte der Verwandten nicht reden kann. Würden wir nicht die Notwendigkeit sehen, dass unsere Tochter spanisch sprechen muss, wäre es schwer, konsequent zu bleiben.« Dieser Anspruch an das eigene Kind sei jedoch auch »die beste Motivation. Wenn es notwendig wird, wird es funktionieren. Das Kind muss sehen, dass die Sprache Sinn hat. Es muss verstehen, wozu es lernen muss. Wir haben ihr gesagt: „Wenn Du in Spanien zurecht kommen willst, musst Du spanisch sprechen!“ Aber da sie die Landsleute der Mama sehr gern mag, klappe es gut, berichtet uns Maria de Dios.

Gern erzählt uns die heitere Frau mit dem spanischen Akzent mehr über die Entwicklung ihres Nachwuchses. »Ihre starke Sprache ist deutsch, obwohl wir sie uns, sprachlich gesehen, auch immer „geteilt“ haben. Mein Partner, der übrigens auch sehr gut spanisch spricht, verbrachte jedoch mehr Zeit mit ihr und so gab es für sie bestimmte Wörter nur auf Deutsch und auch ihre ersten Sätze sprach sie in dieser Sprache. Nach und nach setzte sie vermehrt spanische Laute ein, war aber sonst oft mit meiner Sprache noch hinterher.« Das liege daran, so Maria de Dios, dass die zum Teil nur kurzen Besuche und Urlaube die Kenntnisse nicht so festigen konnten. »Es ist jetzt so, dass sie Gespeichertes hervor holt, wenn sie das Spanische braucht. Bei der Aussprache merkt man ihr nicht an, dass sie bilingual ist. Manchmal ist es für sie nicht einfach. Zum Beispiel bildet sie spanische Sätze mit deutscher Satzstellung. Diese Fehler verschwinden aber immer mehr. Bis zu ihrem dritten Lebensjahr, konnte sie das „R“ nicht rollen. Irgendwann gelang es ihr einfach. Lesen kann sie das Spanische auch und das Schreiben bekommt man auch relativ schnell hin.«, so die Mama des kleinen Sprachtalentes, das trotzdem lieber deutsche Büchern wälzt.

Früher als Dreikäsehoch habe die Kleine viel mehr einzelne Wörter willkürlich aus jeder der zwei im Elternhaus verwendeten Sprachen benutzt, vermutlich weil der Klang der Worte in jungen Ohren sehr individuell wirkt.: »Zum Beispiel sagte sie immer nur „Mama Leche“, weil sie das Wort „Milch“ erst viel später gelernt hat.«

Zu ihrer Rolle als spanische Mutter hat Maria de Dios folgendes zu sagen: »Ich antworte ihr oft nur spanisch, wenn sie deutsch mit mir spricht, weil man es nicht forcieren darf, nur deutsch mit ihr zu reden. Es gibt Tage, an denen sie aufsteht, und „Guten Morgen“ sagt und eben andere, an denen sie uns spanisch begrüßt«. Ob sie in bestimmten Stimmungen das spanische Temperament ergreife, wollen wir wissen und erfahren erstaunt: »Für mich ist es okay, im Deutschen zu bleiben, wenn ich einmal dort bin. Es ist kein Problem, bilingual zu schimpfen.«, sagt die Sprachlehrerin, die selbst noch Französisch, Altgriechisch und Latein beherrscht, lachend.

Bilinguale Erziehung - »wie eine Achterbahn«

Generell verlaufe die bilinguale Erziehung der jungen Señorita de Dios »wie eine Achterbahn.«, verrät ihre Mutter Maria Victoria de Dios Oviedo. »Man macht sich sogar irgendwann Sorgen, ob das Kind überhaupt einmal die Sprachen richtig beherrscht«, bekennt sie. »Doch dann muss man sich die Frage stellen, was ist ein bilinguales Kind? Viele sind der Meinung, wenn ein Kind alles versteht, ist es bilingual. Darüber kann man sich streiten. Diese Diskussion ist auch schon sehr alt. Was viele aber nicht wissen ist, dass jeder Mensch ein Recht auf seine Muttersprache hat. Niemals darf man gezwungen werden, die eine oder andere Sprache zu sprechen.«, verdeutlicht die Spanierin ihren Anspruch an ein bilinguales Kind. Aus ihrer Sicht als Universitätsdozentin gäbe es bestimmt Momente, an denen sie einen anderen Blickwinkel als andere, nicht so geschulte, bilinguale Eltern einnähmen, vermuten wir. Doch auch hier werden wir überrascht: »Ach wissen Sie, Professoren haben manchmal die meisten Probleme. Leute, die nicht aus der Wissenschaft kommen, analysieren nicht so viel. Ich beobachte mein Kind gerne für meine Studenten, um deren Fehler besser verstehen zu können. Ich glaube auch nicht, dass Kinder nur dann gut eine zweite Sprache lernen, wenn die Eltern gut sprechen. Es gibt zwar Sachen, die ich bei meiner Tochter korrigiere, aber in der Form, indem ich es richtig wiederhole. Das mache ich drei Mal, dann hat sie es drin. Aber Unterricht innerhalb der Familie kommt für mich nicht in Frage, das ist wie bei Klavierspielern, die unterrichten ihre Kinder auch nicht selbst. Nur die Alphabetisierung, also das Schreibenlernen, das war klar, dass ich das mache.«

Angesichts dieser eigenen Nachhilfestunden im Buchstabenlernen äußert Maria de Dios Oviedo zuletzt den Wunsch, dass in den Schulen der neuen Bundesländer mehr Muttersprachenunterricht für internationale Kinder angeboten wird, wie das beispielsweise in Hannover der Fall ist. »Das kommt von den Gastarbeitern. So wie es jetzt hier in Thüringer Schulen ist, findet man oft als zweisprachiges Kind nicht richtig Anschluss.«, so Maria de Dios, die abschließend den Wunsch äußert, dass schon bald internationale Kinder nicht mehr anders seien und der Zusammenhalt in Schulen besser gefördert werde.

 

Zweisprachige Erziehung - Tipps

Folgende Tipps hält Maria Victoria de Dios Oviedo an bilinguale Eltern oder Mütter und Väter in ähnlicher Situation bereit

  • Das Erlernen einer Sprache ist ein Lernprozess! Regelmäßiges Lernen der Vokabeln und intensive Sprachpraxis sind sehr wichtig. Maria de Dios: »Die spanische Sprache muss man lernen, hören, lesen und einen gewissen Lernanteil, beispielsweise das Lernen der Vokabeln, wirklich durchziehen.«
  • Man darf sich nicht stressen. Der Lernprozess des Kindes verläuft nicht immer gleich. Manche sind eben talentierter, andere weniger. Auf keinen Fall soll man denken, es muss unbedingt so sein!
  • Das Kind muss immer verstehen, dass es sinnvoll ist, eine weitere Sprache zu beherrschen und dafür etwas zu tun.

Vorteile einer zwei- bzw. bilingualen Erziehung sind

  • Das Kind versteht die beiden Naturelle der Eltern, was sich positiv auf die kulturelle Identität auswirken kann.
  • Außerdem haben Bilinguale mehr Kontakt zu anderen Kulturen.
  • Kinder, die von klein auf eine Zweitsprache gelernt haben, erlernen oft leichter eine dritte oder vierte Sprache.

Nachteile der bilingualen Erziehung können sein

  • Dass für Kinder das Anders-Sein nicht immer gut ist.
  • Lustlosigkeit, denn Sprachen sind nicht ansteckend. Man beherrscht sie nur richtig, wenn man die Vokabeln lernt.
  • Überforderung, die häufig Fehler in beiden Sprachen bewirken können.