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Gute-Nacht-Geschichte "Die Farben der Welt"

Eine Geschichte von Steffen Woywode
Gute-Nacht-Geschichte "Die Farben der Welt"

Ganz tief im Schlottermotter-Meer, wo die Dunkelheit sich in Finsternis hüllt, sollen angeblich die schaurigsten und absonderlichsten Kreaturen hausen, die noch nie das Licht der Welt erblickt haben.

Unter ihnen lebten auch die Glunkelfünkchen, die so gar nicht dem weitverbreiteten Monster-Klischee mit riesigen Glubschaugen, Klauen und Reißzähnen entsprachen. Ihr ganzer Körper war von einem inneren Licht-Farbspiel und einem ständigen Glitzern und Funkeln erfüllt. Auf dem Kopf hatten sie zwei Leuchtfühler und mehrere kleine flossenförmige Auswüchse, die ihnen das Aussehen von exotischen Blüten verliehen. Die Glunkelfünkchen besaßen magische Kräfte. Ihre Leuchtstrahlen durchbrachen die Finsternis und drangen bis hinauf zu den oberen Meeresschichten, wo sie sich in einem geheimnisvollen Farben- und Formenreichtum entfalteten. Das Schlottermotter-Meer war an manchen Tagen geradezu erfüllt von einem unterseeischen Feuerwerk. Hier und da durchbrachen vereinzelt vielfarbige Lichtströme die Meeresoberfläche und bildeten fantastische und flackernde Gestalten, die sich langsam in den luftigen Weiten auflösten.

Obwohl die kleinen leuchtenden Wesen ihr Reich in den dunklen Tiefen liebten, so waren sie doch zugleich neugierig, wie die obenliegende Welt des Lichts aussah. Schon oft hatten sie fantastische Geschichten von den vorbeiziehenden Fischschwärmen gehört und auch schon viele versunkene Schiffe und Schätze gefunden. Die Sehnsucht der Glunkelfünkchen wurde immer stärker und stärker. Eines Tages stand die erträumte Reise plötzlich und unerwartet vor ihrer Tür. In den dunklen Tiefen und Labyrinthen des Schlottermotter-Meeres tauchte ein riesiger Weiß-Zackenwal auf, der die Glunkelfünkchen um Hilfe bat.

Weiß-Zackenwale besitzen die einzigartige Fähigkeit, schwimmen und fliegen zu können. Der Wal war als Bote im Auftrag der Weissanier und Schwarziner unterwegs, deren tyrannische Herrscher vor langer Zeit mit Hilfe eines bösen Zaubers alle Farben aus ihrem Königreich verbannt hatten und seitdem nur mit Schwarz und Weiß vorliebnahmen. Mit den Farben hatten die Weissanier und die Schwarziner zugleich auch ihr Glück, ihre Liebe und ihre Fantasie verloren. Nach langen Jahren der Unterdrückung war das alte Herrscherhaus schließlich von den Untertanen gestürzt worden und die Farben sollten endlich wieder aus ihrer Verbannung befreit werden. Alle Beschwörungen und Versuche der Gelehrten und Zauberer waren jedoch bisher erfolglos geblieben. Unter den Weissaniern und Schwarzinern erzählte man sich jedoch seit langem Legenden von den magischen Glunkelfünkchen und viele Boten wurden ausgeschickt, um die sagenhaften Wesen zu suchen. Der Weiß-Zackenwal war bereits seit vielen Monaten unterwegs, bis er endlich am farbensprühenden Schlottermotter-Meer ankam.

Natürlich sicherten die Glunkelfünkchen den Weissaniern und Schwarzinern ihre Hilfe zu und geleiteten den Wal mit farbenfrohem Leuchten bis an die Grenze der dunklen Meerestiefen. Hier angekommen nahm der Wal sie nun in seinem großen Maul auf und schwamm mit ihnen weiter bis zur Oberfläche des Meeres. Zum ersten Mal im Leben erblickten die Glunkelfünkchen jetzt das Sonnenlicht und waren wie geblendet von der Helligkeit und Wärme der neuen Umgebung. Vereinzelte Wolkenschleier umspielten den azurblauen Himmel.

Der Weiß-Zackenwal reiste mit den kleinen schillernden Wesen kreuz und quer durch das große und endlos erscheinende Schlottermotter-Meer. Am Rand des Meeres angekommen erhob sich der Wal mit sanften Flossenschlägen in die Lüfte. Unter ihnen breiteten sich grüne Wälder, farbenprächtige Blumenwiesen, schillernde Flüsse und bunt gesprenkelte Dörfer und Städte aus.

Auf diese Weise gelangten sie schließlich zu den schwebenden Inseln der Weissanier und Schwarziner. Ein trostloses Bild offenbarte sich den Glunkelfünkchen, das völlig im Gegensatz zu den bisher gesehenen Farbwelten stand. Die schwebenden Inseln wirkten wie unberührte Leinwände oder leere Buchseiten, die mit nichts als Eintönigkeit und Farblosigkeit gefüllt waren. Über den gesamten Rand der höchsten Insel ergoss sich der tosende Finster-Wasserfall, der rein schwarzes Wasser führte, auf die darunterliegenden Inseln.

Als der Wal am Ufer des Pechschwarzen Meers nahe der Hauptstadt Weiss-Nicht-Heim landete, bildete sich sofort ein riesiger Volksauflauf um die Neuankömmlinge herum. Von sämtlichen Inseln und Stämmen waren Abgesandte eingetroffen. Alle sahen in den Glunkelfünkchen die langersehnten Retter aus ihrer entsetzlichen Leere, denn wie das Land waren auch seine Bewohner in glückloser, liebloser und fantasieloser Eintönigkeit gefangen.

Die Glunkelfünkchen machten sich, ohne lange zu überlegen, sofort ans Werk und erfüllten das unglückliche Land mit einer magischen Flut an Formen und Farben. Die weiß-schwarze Tristesse wurde mit einem Mal von kleinen und großen Rissen durchzogen. Glitzernde und schillernde Lichtströme durchzogen die Lüfte und bildeten eine wahre Symphonie an fantastischen und geheimnisvollen Bildern. Schließlich platzte die ganze Hülle des Landes auf und eine faszinierende und magische Vielfalt offenbarte sich den Inselbewohnern, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht schöner hätten ausmalen können. Menschen und Tiere, Städte und Landschaften erstrahlten in den vielfältigsten Farbkompositionen. Es gab buntkarierte und gestreifte Häuser, gepunktete und geblümte Kleider, funkelnde Felle und Gefieder, rot und blau belaubte Bäume, smaragdgrüne Flüsse und Seen.

Die neue Welt war ein wahres Feuerwerk an Fantasie, Glück und Liebe, das sich in den Herzen ihrer Bewohner widerspiegelte. Alle Gefühle und Gedanken waren gleich dem Land von einem inneren und unbeschreiblichen Leuchten erfüllt.

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