Zwischen Herausforderung und Chance

Beitrag von Sebastian Driever
Spätestens seit dem Spätsommer 2015 erreichte bis zu eine Million Flüchtlinge Deutschland. Viele von ihnen sind Kinder, für die ab spätestens drei Monaten Aufenthalt die Schulpflicht gilt. KIDS und Co hat nachgehakt, wie gut die Beschulung der Flüchtlingskinder schon gelingt.

»Wie heißt du?«, fragt Rian neugierig. Kaum habe ich den farbenfrohen Unterrichtsraum der „Deutsch als Zweitsprache“-Klasse (DaZ-Klasse) der Johannesschule in Erfurt betreten, werden mir von dem 11-Jährigen schon Löcher in den Bauch gefragt – in fließendem Deutsch. Gerade haben die acht Kinder des Kurses nach ihrer ersten Stunde eine etwa zehnminütige Pause und können ihre mitgebrachten Pausenbrote essen oder die zahlreichen Apfelstücke verspeisen, die von den beiden Lehrerinnen Anna Kiselova (35) und Uta Riemer (51) verteilt werden. Noch ehe die nächste Stunde begonnen hat, fangen einige Kinder an zu singen: »Das ist hoch, das ist tief, das ist gerade, das ist schief...«, und machen jeweils die passenden Bewegungen dazu. Allgemein wirken sie – so wie Kinder generell – sehr aufgeweckt, lebendig und fröhlich.

In der folgenden Unterrichtsstunde geht es schließlich mit den Liedern weiter. Die Kinder singen und tanzen zu zweit, zu viert, machen die passenden Bewegungen zu den Ansagen von Anna Kiselova oder nennen umgekehrt die jeweiligen Ausdrücke zu den Bewegungen. Außerdem folgt noch ein Lied mit Farben über Förster, Matrosen oder Müller. Alles haben die Mädchen und Jungen schon für ein Lernfest in der Turnhalle der Johannesschule in der folgenden Woche mehrmals geübt und haben sichtlich Spaß daran, das Gelernte zur Schau zu stellen.

»Die Kinder lernen am besten mit Kinderliedern, Reimen oder auch Bildern«, meint Anna Kiselova. Die gebürtige Slowakin lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland und ist ebenso wie Uta Riemer seit September für die DaZ-Klasse mit einer Obergrenze von zwölf Kindern im Einsatz. »Es dauert etwa ein halbes Jahr, bis die Kinder bereit für ihre Stammklasse sind und diese Klasse verlassen können, aber das ist sehr individuell«, sagt die engagierte Lehrerin. Schließlich gebe es bei manchen Kindern erst einmal eine sogenannte rezeptive Phase, in der sie nur Neues aufnehmen, aber selbst noch kein Deutsch sprechen wollen. »Die meisten Kinder mussten erst einmal lernen, wie Schule hier funktioniert, mit Regeln wie Hausaufgaben, dem festen Schulbeginn, Essenszeiten«, berichtet die DaZ-Lehrerin weiter, »das Problem ist weniger die Sprache.« Die würden die Kinder zum Teil recht schnell lernen. Beispielsweise Nervana, neun Jahre, aus dem Irak, die nach wenigen Monaten schon fließend gut verständliche Sätze spricht.

Aktuell sind die etwa zehn Kinder der DaZ-Klasse sieben bis elf Jahre alt und kommen aus sechs Ländern: Serbien, Bulgarien, Tschetschenien, Irak, Syrien und Malaysia. In den ersten drei Unterrichtsstunden bekommen sie den auf sie abgestimmten Deutschunterricht, danach nehmen sie noch an einigen Stunden in ihren Stammklassen, von der ersten bis zur vierten Jahrgangsstufe, teil. Bis auf zwei sind alle Flüchtlingskinder. So wie Nervana, die seit Anfang Januar in die Johannesschule geht und auch früher schon im Irak in die Schule gegangen ist. Auf die Frage, was ihr an der Schule gut gefalle, antwortet sie vergnügt: »Alles. Ich lerne gerne und spiele gerne mit Vanesa und Nisaa.« Vanesa, acht Jahre alt, kommt derweil ursprünglich aus Serbien und singt sehr gerne und auch laut, wie Anna Kiselova mit einem Lächeln beifügt. Das Mädchen ist auch schon in Serbien in eine Schule gegangen und geht in Thüringen wohl schon seit etwa eineinhalb Jahren zum Unterricht. Genau können es die beiden Lehrerinnen nicht sagen, da viele Informationen fehlen oder nicht weitergegeben wurden. Das gilt auch für den persönlichen Hintergrund der Kinder.

»Manchmal, aber wirklich selten, hört man von den Kindern Berichte von der Flucht. Dann aber auch eher von Gewalt als der Flucht und auch das meist nicht verbal, sondern man sieht es eher in den Bildern, die die Kinder malen«, erzählt Anna Kiselova. Bei Rian, dem Jungen aus dem kurdischen Teil des Iraks zum Beispiel, gebe es Vermutungen, dass er wahrscheinlich Schüsse und auch Gewalt in seiner Schule im Irak erlebt habe.

Man wisse nicht viel über die Kinder, es würden einfach die verlässlichen Quellen und Infos fehlen, zum Beispiel, wie die Grundschüler nach Erfurt gekommen seien, erläutert Anna Kiselova und ergänzt: »Falls man mal etwas macht, was die Kinder verstören könnte, bekommt man das vielleicht gar nicht mit.« Außerdem seien beide Frauen ursprünglich keine Grundschullehrerinnen, sondern Lehrerinnen an weiterführenden Schulen, so dass die Leitung der DaZ-Klasse seit September vergangenen Jahres methodisch eine große Umstellung gewesen sei.

Uta Riemer findet zudem: »So, wie es bisher läuft, ist noch nicht alles zum Nutzen des Kindes. Das System ist noch nicht, wie es eigentlich sein könnte.« Die DaZ-Lehrer sollten ihrer Meinung nach unter anderem weniger für die Arbeitsmaterialien, sondern stattdessen mehr für die Psychologie der Kinder geschult werden. Außerdem habe man beim Erfahrungsaustausch mit Kollegen gemerkt, dass jede Schule mit ihren DaZ-Klassen unterschiedlich an die Kinder herangehe. Weiterhin sei der Thüringer Lehrplan noch von 2003 und damit teilweise veraltet und man wisse nicht, welche Infos über die Arbeit mit den Kindern die Schulleitung überhaupt an das Schulamt weitergebe. Uta Riemer findet das jetzige System keinesfalls komplett schlecht, sagt aber trotzdem entschieden: »Die Lehrer an der Basis müssten nach oben noch transparenter durchgeben, was geändert werden müsste, damit es in der Zukunft besser wird.«

 

»Am besten gelingt die Arbeit mit den Flüchtlingskindern an den Schulen, die schon mehr Erfahrung mit der Thematik haben.«
(Ralph Leipold, Schulamt Mittelthüringen)

Ralph Leipold, Leiter des Schulamtes Mittelthüringen, betont, dass man die Verteilung der Flüchtlingskinder momentan gut im Griff habe. In den zurückliegenden Monaten habe man in Thüringen 5.100 beschult, davon 1.800 in Mittelthüringen. Mancherorts, beispielsweise in Erfurt, hätten Schulen zwar wenig Platz, durch die enge Zusammenarbeit mit den kommunalen Behörden könne man die Situation aber gut bewältigen. In manchen Klassen gebe es nur wenige neue Kinder, sobald es mehr als acht seien, werde eine weitere DAZ-Lehrkraft für den Deutschunterricht angestellt. »Wir haben genügend Lehrer mit befristeten Verträgen für den DAZ-Unterricht und ich wünsche mir, dass wir sogar eine Dauerbeschäftigung dieser gut ausgebildeten Lehrkräfte erreichen können«, äußert Ralph Leipold. Jedoch sei es mitunter schwierig, DaZ-Lehrkräfte für den ländlichen Bereich zu finden. An keiner Schule laufe es schlecht, doch »am besten gelingt die Arbeit mit den Flüchtlingskindern an den Schulen, die schon mehr Erfahrung mit der Thematik haben«, so der Schulamtsleiter. Insgesamt hält er fest: »Die Schulen wollen das Problem angehen, manche bitten deshalb aber auch um noch mehr Unterstützung.«

Etwas weniger positiv sieht Ellen Könneker das Ganze. Sie ist beim Flüchtlingsrat Thüringen für die Qualifizierung in der Flüchtlingsarbeit zuständig und denkt zwar auch, dass vielerorts die Integration der Flüchtlingskinder in den Schulalltag schon gut gelinge. Besonders, wenn sich die Schulen vor der Aufnahme von Kindern mit nichtdeutscher Herkunftssprache Gedanken zu Konzepten und Gestaltung des Schulalltages machen würden, gebe es gute Voraussetzungen. Doch es seien auch noch viele Probleme präsent. »Deutschunterricht steht insgesamt noch nicht ausreichend zur Verfügung«, sagt sie und ergänzt außerdem: »In den größeren Städten Thüringens gibt es für die Beschulung zum Teil Wartezeiten von mehreren Monaten. Das sind wichtige Monate, die den Kindern verloren gehen und wo die Schulpflicht nicht umgesetzt wird.«

Ein weiteres großes Problem sei, dass die Dolmetscherkosten den Schulen noch nicht erstattet würden, doch zur Kommunikation mit den Kindern und Eltern bräuchten die Schulen häufig unbedingt Übersetzer. »Vielerorts gibt es dafür ehrenamtliche Helfer, aber man kann die Arbeit nicht permanent an diese auslagern. Das ist ansonsten eine Überforderung des Ehrenamtes«, sagt Ellen Könneker entschieden und fordert von den Behörden die Einplanung und Gewährung von Dolmetscherkosten. Außerdem gebe es bei der Beschulung ansässiger Kinder einen relativ langen Vorlauf bei der Erfassung und Planung entsprechender Kapazitäten. Dies sei bei Kinderflüchtlingen so nicht möglich, da die Einschulung oft mitten im Schuljahr liege. Deshalb sei ihrer Meinung nach ein flexibleres Modell für die Schul- und auch Kindergartenplatzplanungen wichtig.

In Sachsen gibt es eine ähnliche Gesamtsituation mit quasi identischen Problemen. Laut Katrin Hallmann vom Sächsischen Flüchtlingsrat sei der Schulstart für die Flüchtlingskinder hin und wieder schwierig, »manchmal müssen sie auch zwei bis drei Monate auf den ersten Schulbesuch warten.« In Einzelfällen sei dies sogar länger als die gesetzlich vorgeschriebenen drei Monate. Auch hier gebe es Kinder und auch Jugendliche, die bisher nur wenige Jahre oder sogar überhaupt nicht zur Schule gingen. »Deren Integration in die Schulen ist damit natürlich eine große Herausforderung«, so Katrin Hallmann. Mehr Schulplätze seien außerdem wichtig und dafür sollte der Freistaat Sorge tragen, dass es zahlenmäßig genügend ausgebildete Lehrkräfte gebe.

 

»Das Thema wird nicht in den nächsten Monaten fertig behandelt sein. Die Flüchtlingssituation wird uns vermutlich noch auf Jahre hinaus beschäftigen.«
(Roman Schulz, Sächsische Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig)

Roman Schulz, Öffentlichkeitsarbeiter der Regionalstelle Leipzig der Sächsischen Bildungsagentur (SBA), sagt währenddessen ganz klar: »Die Beschulung der Flüchtlingskinder gelingt in Sachsen wirklich gut.« Das Konzept der DaZ-Klassen gebe es hier schon seit 2000 und zurzeit würden es natürlich immer mehr werden. Deshalb habe man viele zusätzliche Lehrer eingestellt und die Situation bislang gut gemeistert. Allerdings gebe es allmählich Schwierigkeiten, in den Schulen noch Plätze für die Kinder zu finden: »Wir kommen langsam an eine Obergrenze. Andererseits ist es unser Anspruch, genügend Plätze anzubieten. Wir wollen bei den Kindern nicht sparen.« Weiterhin habe man zuletzt in den DaZ-Klassen die Durchlaufzeiten etwas verkürzen müssen. Nun würden auch Kinder, die erst bei 90 bis 95 % der notwendigen Deutschkenntnisse stünden, schon in die Regelklassen weitergeleitet. Dazu meint Roman Schulz: »Das ist derzeit kein Idealzustand, sondern ein kleiner Abstrich.« Dennoch werde man auch weitere Zusatzeinstellungen tätigen, denn: »Das Thema wird nicht in den nächsten Monaten fertig behandelt sein. Die Flüchtlingssituation wird uns vermutlich noch auf Jahre hinaus beschäftigen.«

 

In Sachsen-Anhalt glaubt Jürgen Krampe vom dortigen Landesschulamt ebenfalls, dass die Beschulung der Flüchtlingskinder sehr gut gelinge. »Wir haben den Eindruck, dass die Schulen sehr engagiert und verantwortungsvoll mit der Herausforderung umgehen und qualitativ gute Arbeit leisten«, meint der stellvertretende Direktor des Landesschulamtes. Die Sprachförderung sowie Integration der Schülerinnen und Schüler laufe gut und die Landesregierung habe zuletzt Haushaltsausgaben in Millionenhöhe für die personelle Absicherung zur Verfügung gestellt. Daher würden auch schon 168 zusätzliche Lehrkräfte tätig sein, weitere 300 könne man in diesem Kalenderjahr noch einstellen. Doch da fingen auch schon ein paar Schwierigkeiten an: Denn obwohl die finanziellen Mittel bereitstünden, kann das Landesschulamt Sachsen-Anhalt nur schwerlich genügend geeignete Lehrer einstellen, da bekanntlich alle Bundesländer nun einen hohen Bedarf haben. So bestätigt auch Jürgen Krampe: »Lehrer mit den passenden Qualifikationen sind momentan schwer zu finden, also stellen wir auch Seiteneinsteiger oder Lehrer ohne spezielle Qualifikationen für die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache ein. Dabei gehen wir aber sicher, dass eine gute Qualität bei der Arbeit mit den Flüchtlingskindern trotzdem erreicht wird.«

Viele Fort- und Weiterbildungen müssten deshalb organisiert sowie einige Rahmenbedingungen noch verbessert werden. Mehr Übersetzer seien zum Beispiel nötig, da auch hier viele Kinder nicht nur kein Deutsch, sondern auch kein Englisch sprechen könnten und einige ältere Schüler sogar Analphabeten seien. Gerade das sei eine extreme Herausforderung für die berufsbildenden Schulen. Zudem würden aufgrund der ohnehin steigenden Schülerzahlen mancherorts die Räumlichkeiten der Schulen knapp werden. Daher seien nun die Kommunen in Absprache mit den Schulämtern gefragt, um alle Kinder flexibler in den Schulen unterzubringen. Zur Verteilung der Schülerinnen und Schüler erklärt er auch: »Wenn zum Beispiel wieder sehr viele jugendliche, unbegleitete Flüchtlinge auf einmal nach Sachsen-Anhalt gekommen sind, kann es auch sein, dass die Beschulung mal ein bis zwei Wochen dauert. Das ärgert uns dann, aber wir können auch mit den Ämtern, zum Beispiel dem Jugendamt, abklären, was wir bis dahin mit den Jugendlichen machen.« Bisher sei es immer gelungen, die Minderjährigen in die Beschulung zu bringen, auch wenn man manchmal mit der Verteilung an Grenzen gekommen sei.

 

»Die Herausforderung wird bleiben, aber man muss es nicht dramatisieren, als dass die Schulen überfordert wären.«
(Dr. Christine Radig, Fachbereich Bildung der Stadt Halle(Saale))

Dr. Christine Radig, amtierende Leiterin des Fachbereichs Bildung der Stadt Halle, sieht die Gesamtsituation sehr ähnlich. Wie viele andere auch, so hält auch sie die Thematik für »eine Herausforderung für alle Betroffenen«, habe aber noch von keinen ganz kritischen Situationen an den Schulen gehört. Insgesamt 70 Schulen werden von ihrem Fachbereich in Halle betreut, an etwa zwei Drittel gebe es Kinder mit Migrationshintergrund. Anregungen aus Schulen, ältere Analphabeten unter den Flüchtlingskindern in eigenen Klassen zusammenzufassen und damit die Schulen zu entlasten, seien an das dafür zuständige Landesschulamt weitergegeben worden. Insgesamt könne der Fachbereich als Schulträger dieses Jahr zusätzlich etwas mehr als 100.000 Euro kommunaler Mittel über das übliche Budget hinaus einsetzen, um die Schulausstattung zu verbessern und zusätzliches Unterrichtsmaterial zu beschaffen. Hinsichtlich der Lehrer denkt Dr. Christine Radig, dass diese dem Problem offen gegenüberstünden und die Situation bewältigen wollten. Insgesamt meint sie: »Die Herausforderung wird bleiben, aber man muss es nicht dramatisieren, als dass die Schulen überfordert wären.«

Da kann ihr Carla Wilde, die in der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) des Caritas Regionalverbandes Halle e. V. arbeitet, prinzipiell zustimmen. Wie gut sich die Schulen um die Flüchtlingskinder kümmern könnten, sei eine Frage der Organisation, die Schulen müssten neben ausreichend Personal also vor allem genügend Materialien und Räume zur Verfügung gestellt bekommen. »Die Schulen wollen die Aufgabe bewältigen und ich denke, dass sie das auch packen werden. Da spielt sich vieles mit der Zeit auch ein«, ist sie überzeugt. Auch der behördliche Verfahrensweg bei der Vermittlung der Kinder an die Schulen laufe mittlerweile insgesamt gut. Doch auch sie verweist auf die leicht kritische Personalsituation, noch mehr Lehrkräfte und Sozialarbeiter wären gut, jedoch: »Der Markt war irgendwann wie leer gefegt.« Der Unterricht in den Willkommensklassen sei aber gut und auch die vielen ehrenamtlichen „Willkommenspaten“ seien eine schöne Sache, so Carla Wilde.

 

»Es ist eine ganz große Chance, denn die große Mehrheit der Flüchtlingskinder ist sehr lern- und wissbegierig und hat eine hohe Wertschätzung für die Schule. Wenn man aber zu lange damit wartet, ihnen zu helfen, gehen viele offene Türen zu und es kommt Frustration auf.« (Nora Brezger, Flüchtlingsrat Berlin)

Auch in der deutschen Hauptstadt ist das Thema natürlich brandaktuell. Nora Brezger arbeitet beim Flüchtlingsrat Berlin und begrüßt die Eröffnung von Willkommensklassen. Allerdings habe jede Schule ihr eigenes Konzept für diese, darum wäre mehr Austausch zwischen den Schulleitern und Schulämtern gut. Außerdem sei es nach wie vor schwierig abzusehen, welche Schüler wann und wie nach Berlin kämen. Manchmal gebe es plötzlich 20 Grundschulkinder, die schnell verteilt werden müssten, manchmal gebe es deshalb auch ein paar Monate Wartezeit.

In den letzten Monaten habe sich zwar viel gebessert, doch »nach wie vor ist es schwierig für die Schulämter, die bürokratischen Räume zu schaffen und genügend Lehrer zu finden«, so die engagierte Unterstützerin von Flüchtlingen. Besonders die Jugendlichen einzuschulen sei schwierig, da Oberschulen nicht einzugsgebietsgebunden seien. Viel qualitativ gutes Lehrerpersonal sei zwar vorhanden, doch es gebe auch noch Ressentiments in den Lehrerzimmern. Mehr verpflichtende Schulungen zum Thema Flucht und Asyl seien deshalb wichtig. »Allgemein gibt es aber zu wenig Lehrer in Berlin. Es müssen noch mehr eingestellt werden, genauso auch Menschen, die sich mit der Thematik auskennen, wie Schulsozialarbeiter. Auch Quereinsteiger sind gut, wenn sie noch entsprechende Schulungen bekommen«, so Nora Brezger.

Weiterhin empfiehlt sie, im Lehramtsstudium mehr Vorbereitung auf den Unterricht mit Willkommensklassen zu verankern: »Dann können die Lehrkräfte auch auf eventuell traumatisierte Kinder besser reagieren.« Generell schlägt sie vor, jetzt erst einmal in Deutschkurse, Ausbildungen und Arbeitsmarktintegration zu investieren, da man so später eine große Menge an Menschen habe, die schnell Deutsch gelernt hätte und so als Arbeitnehmer Steuern zahlen könnte. Zu den Kindern sagt sie auch: »Es ist eine ganz große Chance, denn die große Mehrheit der Flüchtlingskinder ist sehr lern- und wissbegierig und hat eine hohe Wertschätzung für die Schule. Wenn man aber zu lange damit wartet, ihnen zu helfen, gehen viele offene Türen zu und es kommt Frustration auf.«

 

Dies ist bei den Kindern an der Erfurter Johannesschule nicht der Fall. Fröhlich und fleißig lernen sie Deutsch, finden neue Freunde und werden schrittweise in den normalen Schulalltag integriert. Alles in allem ergibt sich so anscheinend eine große Chance für das Land, wenn die Kinder und Jugendlichen wirklich gut die deutsche Sprache erlernen und allgemein eine gute Schulbildung genießen können – doch diese Chance bietet sich natürlich auch für die Kinder selbst. So wie für Nervana, Rian, Vanesa und die anderen Kinder, die an die Erfurter Johannesschule gehen, neugierig und aufgeweckt wie alle Kinder sind und mit viel Freude für ihr Leben lernen. Ihnen ist zu wünschen, dass alles dafür unternommen wird, sie gut in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihnen ein Leben voller Chancen und Möglichkeiten zu bieten. Und dass sie, nach den Fluchterfahrungen, die einige von ihnen sicherlich gemacht haben, erst einmal wieder Kind sein und das Leben genießen dürfen.

 

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DaZ – „Deutsch als Zweitsprache“
Kindern mit Migrationshintergrund werden in den Schulen sogenannte DaZ-Klassen geboten, die meist maximal zwölf Plätze umfassen und in denen sie Deutsch lernen können. Dabei ist es egal, ob sie Flüchtlingskinder oder der Nachwuchs von Arbeitszuwanderern sind. Viele dieser Klassen entstanden erst ab Spätsommer/ Herbst vergangenen Jahres. In den DaZ-Klassen lernen die Kinder vor allem das Sprechen von Deutsch, das Lernen von Lesen und Schreiben ist noch nicht die Regel. Außerdem gehen sie meist schon für ein paar Wochenstunden in Regelklassen, wo sie vor allem Fächer wie Sport oder Musik mit den anderen Schülern absolvieren. Beherrschen die Kinder die deutsche Sprache nach Einschätzung der Lehrer gut genug, können sie die DaZ-Klasse verlassen und nun in vollem Umfang in ihre normale Klasse gehen. Durchschnittlich bleiben die Kinder etwa ein halbes Jahr in der DaZ-Klasse. Insgesamt herrscht über das Jahr hinweg eine große Fluktuation, da ständig neue Schülerinnen und Schüler hinzukommen und schon gut Deutsch sprechende Kinder die Klasse wieder verlassen.

 

Bild: Sebastian Driever