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Wenn Essen zum Problem wird

Schon Kinder im Alter von sechs Jahren setzen sich mit ihrer Figur und ihrem Gewicht auseinander. Es sind Sätze wie »Nein, das darf ich nicht essen!« oder »Das macht dick!« zu hören. Doch woher kommt es, dass sich bereits Grundschulkinder solche Gedanken um ihr Aussehen und ihr Gewicht machen?

»Die Ursachen können sehr vielfältig und komplex sein«, sagt Prof. Dr. Stefan Ehrlich, geschäftsführender Oberarzt und Leiter des Zentrums für Essstörungen der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden. »Das familiäre umfeld oder die Fotos von schlanken Models müssen nicht unbedingt Auslöser für eine Essstörung sein. Vielmehr sind es Schlüsselerlebnisse, wenn Mädchen zum Beispiel das Verhalten ihrer Mutter nachahmen und sich vor dem Spiegel betrachten oder Diäten ausprobieren«, so der 36-jährige Mediziner. Eine besondere Gefährdung sieht er vor allem bei jungen Mädchen, die bestimmten Risikogruppen angehören: »Überdurchschnittlich viele Mädchen erkranken, wenn sie einer Sportart wie Ballett, Leichtathletik oder Tanzen professionell, d. h. besonders leistungsorientiert, nachgehen. Manchmal setzen auch Trainerinnen falsche Akzente, zum Beispiel Konkurrenz und Leistungsdruck.«

Wenn Eltern eine Essstörung bei ihrem Kind vermuten, empfiehlt der Experte, so früh wie möglich zu handeln: »Eltern sollten versuchen, das Kind auf die Situation anzusprechen und sich bei regionalen Beratungsstellen informieren und professionelle hilfe suchen. Sie können zu uns Kontakt aufnehmen und sich zum Beispielbei einem unverbindlichen Informationsgespräch unsere Angebote bestehend aus Spezialambulanz, Familientagesklinik und Spezialstation anschauen und alles über das Behandlungskonzept erfahren.« Betroffenen Eltern und Kindern bietet auch die Online-Sprechstunde der Dresdner Universitätsklinik die Möglichkeit, anonym ihre fragen zu stellen.

kinder essstörungDie Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Jenaer Universitätsklinikum bietet eine Spezialsprechstunde für Essstörungen an. Über die Ambulanzen können Eltern einen Termin vereinbaren und im Gespräch ihre Ängste und Sorgen äußern. Melanie Rudovsky, Oberärztin der Kinderstation und Ambulanzen, rät besorgten Müttern und Vätern, die eine Essstörung bei ihrem Kind befürchten, auch erst einmal das Gespräch zu suchen: »Eltern sollten zunächst versuchen, Ruhe zu bewahren und nach Ereignissen in der Schule oder mit den Freunden fragen.« Gemeinsam mit den Erziehungsberechtigten und dem betroffenen Kind werden dann in der Beratung mögliche Behandlungsangebote besprochen: »Wir versuchen zu klären, wie massiv die Problematik ist und ob eine ambulante oder stationäre Betreuung notwendig wird.«

Damit es nicht unbedingt soweit kommt, hat der Jenaer Psychologe PD Dr. Uwe Berger vom Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums verschiedene Präventionsprogramme für Schulklassen entwickelt, die der Vorbeugung dienen sollen. Sie richten sich momentan noch ausschließlich an ältere Kinder der Klassen 6 und 7, weil Essstörungen häufig in diesem Alter zum Ausbruch kommen. »Die Programme PriMa und Topp sollen zur Förderung eines gesunden Ess- und Bewegungsverhaltens und zur Primärprävention von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen beitragen. PriMa* richtet sich dabei an Mädchen der Klasse 6 und informiert sieüber die Gefahren von Magersucht. Mit Topp** sprechen wir Jungen der gleichen Jahrgangsstufe an und klären sie über die Risiken von Fettleibigkeit auf«, erzählt der 51-jährige Initiator der Präventionsprogramme. Er gibt zu bedenken, dass erste Anzeichen einer Erkrankung jedoch nicht erst mit der Pubertät auftreten können und es deshalb wichtig sei, bereits früh mit der Prävention bei jüngeren Kindern anzusetzen: »Schon in der Grundschule ist jedes zweite Mädchen und jeder dritte Junge unzufrieden mit der Figur. Nicht selten hat zum Beispiel ein 10-jähriges Mädchen bereits eine Diät gemacht. Deshalb wollen wir in naher Zukunft mit Präventionsmaßnahmen auch an Grundschulen Essstörungen frühzeitig vorbeugen«, erklärt der Diplom-Psychologe.

Doch wie können Eltern selbst eine mögliche Erkrankung ihres Kindes verhindern? Die Experten empfehlen regelmäßige Rituale, wie zum beispiel die Einführung fester Mahlzeiten, an denen die ganze Familie gemeinsam am Tisch isst. Vorab kann es außerdem noch viel Spaß machen, wenn die Kinder den Eltern bei der Zubereitung des Essens helfen und mitbestimmen dürfen, was es gibt. Dies kann bewirken, dass Kinder ein positives Gefühl zum Essen entwickeln und vor allem das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erlangen.

Neben der Familie sehen sich auch immer mehr Bildungseinrichtungen wie Kitas und Schulen in der Verantwortung, Kindern wichtige Grundkompetenzen für die Ernährung zu vermitteln: »Wir möchten mit unseren Angeboten das gesundheitsfördernde Essverhalten von Kindern unterstützen und positiv auf ihre Essgewohnheiten und Lebensmittelauswahl einwirken«, erklärt Petra Müller, Leiterin des Bereiches Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Thüringen e. V. So werden im Projekt „Gesundes Schulfrühstück“ für Thüringer Grundschulen Eltern, Schüler und Lehrer motiviert, jedem Kind unabhängig von seiner sozialen Herkunft ein gesundes Frühstück zu Hause und in der Pause zu ermöglichen. »Viele Schülerinnen kommen ohne Pausenfrühstück oder mit Süßigkeiten, Keksen und Co. als Pausenversorgung in die Schule. Oder sie bekommen von ihren Eltern Geld, um sich süße Teilchen zu kaufen. Ein besonderes Problem sind auch gesüßte Getränke wie Limonaden und Fruchtsaftgetränke«, betont sie.

Auch Claudia Lasarczik betreut mit ihren Kollegen von der Verbraucherzentrale Sachsen e. V. verschiedene Schulprojekte, die den Kindern dabei helfen sollen, einen gesundheitsfördernden Umgang mit der Ernährung und Lebensmitteln zu erlernen. Im Projekt „Klimafrühstück“ erfahren die Grundschüler, was ein gesundes Frühstück ausmacht, nützlich verbunden mit dem Thema Umwelt. »In der heutigen Zeit sind vor allem verschiedene Obstsorten weitgereiste Lebensmittel. So kommen Äpfel aus Chile oder Kiwis aus Neuseeland. Kindern fehlt heute oft der Bezug zur Herkunft von Obst und Gemüse, wenn sie das ganze Jahr erhältlich sind. Im Jahreszeitenspiel entdecken die Schüler, wann welche Sorten Saison haben, wann sie geerntet werden und welche Vorteile regionale Lebensmittel haben«, erklärt die 33-jährige Fachberaterin für Ernährung und Lebensmittel und ergänzt: »Natürlich bestimmen wir mithilfe der Ernährungspyramide, dass sich das Frühstück zuhause und das in der Schule ergänzen. Ideal sind dabei ein Vollkornprodukt, Müsli mit Milch, frisches Obst und Gemüse sowie ein Getränk wie Wasser oder ungesüßter Tee. Dabei lernen die Kinder auch, welche Vorgänge und Reaktionen durch das Essen in ihrem Körper ablaufen.« Claudia Lasarczik ist es vor allem wichtig, Eltern zu vermitteln, gegenüber den Kindern keine Lebensmittelverbote auszusprechen und eine gesunde Mischung zwischen häufig und selten zu verzehrenden Nahrungsmitteln zu finden: »Auf das richtige Maß kommt es an.«

Die Sozialpädagogin Katja Scholz kennt die heutigen Probleme der Kinder und Jugendlichen, wenn es um Ernährung und Essen geht. In ihrer Arbeit als Familientherapeutin an der Familientagesklinik für essgestörte Kinder und Jugendliche der Kinder- und Jugendpsychatrie und -psychotherapie des Universitätsklinikums Dresden hat sie einen engen Kontakt zu den jungen essgestörten Patienten, weiß um deren Gefühle und Gedanken. »Durch Projekte in Schulen wollen wir vor allem junge Mädchen für die Themen Ernährung und Gewicht sensibilisieren und sie über Risiken aufklären. Der Umgang mit der Figur sollte etwas Natürliches haben und Essen im Familienalltag keine übergeordnete Rolle spielen«, rät die Sozialpädagogin und warnt vor dem Abrutschen in eine Essstörung: »Schon acht- oder neunjährige Mädchen beginnen, Zucker und Fette wegzulassen, Lebensmittel auszurechnen und den Bauchumfang zu messen. Solche Situationen sind nicht zu unterschätzen. Sie können eine Dynamik bekommen, die schwer zu stoppen ist, da sich die Mädchen gegenseitig anstacheln.« Für die meisten sei es nur eine vorübergehende Phase, für andere aber die Gefahr, an einer Essstörung zu erkranken: »Wenn zehn Mädchen für eine bestimmte Zeit ihr Gewicht kontrollieren und ihre Hosengrößen ausrechnen, kann eines von ihnen in die Krankheit abrutschen«, weist die Familientherapeutin auf alarmierende Umstände hin. Besorgten Eltern rät die 50-Jährige, die selbst Mutter ist, sich die Frage zu stellen, ob das Verhalten des Kindes noch ein gesundes Maß hat oder bereits ein Zwang dahinter steht. »Es ist wichtig, dass die Erwachsenen ihrer Vorbildfunktion und elterlichen Fürsorge nachkommen, da sich Kinder stark an ihnen orientieren und sich noch nicht selbst um die eigene Ernährung kümmern können.«

Ein gutes Beispiel für einen positiven Umgang mit den Themen Ernährung und Körperempfinden ist die Thomas-Müntzer-Grundschule in Erfurt-Möbisburg. Die befragten Zweitklässler können bei Lebensmitteln schon ganz einfach zwischen den häufiger und den seltener zu verzehrenden unterscheiden. »Salat ist gut und auch Früchte«, erklärt der achtjährige Erik und weiß auch schon genau, was nur wenig auf dem Speiseplan stehen soll: »Cola und Pizza sind nicht so gut.« Seine Mitschülerinnen Hannah und Maria stimmen ihm nickend zu und ergänzen einstimmig: »Und Süßigkeiten.« Auf ihr eigenes Gewicht schauen die beiden siebenjährigen Mädchen mit einem natürlichen Blick und sind unbesorgt: »Ich weiß gar nicht, was ich wiege. Das ist mir egal«, betont Maria selbstsicher. Ramona pflichtet ihr bei: »Meins kenne ich auch nicht. Ich esse alles gern. Am liebsten aber Eierkuchen.« Sich vor dem Spiegel anzuschauen, finden die Kinder eher uninteressant, wie der achtjährige Jason bestätigt: »Das macht doch keinen Spaß!«

 

Hilfreiche Links

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema Essstörungen:
www.bzga-essstoerungen.de/ Telefonberatung unter: 0221 892031

Psychotherapie-Informationsdienst mit deutschlandweiter Suche nach Psychotherapeuten: www.psychotherapiesuche.de/ Telefonberatung unter: 030 209166330

Homepage der Thüringer Essstörungsinitiative e. V. mit Informationen zu den Präventionsprogrammen des Universitätsklinikums Jena: www.thessi.de

Beratungs- und Informationsserver zu Essstörungen von der Deutschen Forschungsinitiative Essstörungen e.V. der Universität Leipzig: www.ab-server.de

 

Kontakte


Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Zentrum für Essstörungen
Fetscherstraße 74, 01307 Dresden
Telefonberatung, Montag von 11 bis 12 Uhr: 0351 4582024, www.kjp-dresden.de


Universitätsklinikum Jena

Klinik für Kinder- und Jugend-psychiatrie, psychosomatik und -therapie
Philosophenweg 3-5/Am Steiger 6, 07743 Jena

Telefonberatung und Anmeldung zur Spezialsprechstunde, täglich von 8 bis 15 Uhr: 03641 935320, www.kjp.uniklinikum-jena.de

Charité – Universitätsmedizin Berlin

Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und -therapie des Kindes- und Jugendalters
Mittelallee 8, 13353 Berlin
Telefonberatung und Anmeldung: 030 450566229, www.kjp.charite.de

Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik, -psychotherapie
Barbarastraße 4, 06110 Halle (Saale)
Anmeldung: 0345 2135800, www.krankenhaus-halle-saale.de

* PriMa (Primärprävention Magersucht) Projekt für Mädchen der 6. Klasse
** TOPP (Teenager ohne pfundige Probleme) Projekt für Jungen der 6. Klasse